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44712.
Oktober 1843
bleiben als ich wollte, weil heute hope nicht zu finden ist und kein geld her-
gibt.
Brüssel 12. oktober morgens
so lange ich in Amsterdam war, regnete es beynahe ohne unterlaß, viel-
leicht aus diesem grunde war es, daß die stadt den aller unvorteilhaftesten
eindruck auf mich machte, und ich froh war, als ich wegkommen konnte.
doch benützte ich den sonntag dazu, um nach Broek zu fahren, dem reich-
sten und schönsten dorfe in der Welt. der Weg ist wie alle Wege in holland
zwischen Wiesen und gärten, etwas Besonderes ist jedoch der große canal
von nordholland, 26 fuß tief, vor ungefähr 20 Jahren eröffnet, durch wel-
chen die großen schiffe aus der see nach Amsterdam kommen. denn die
Zuydersee ist an mehreren orten sandigt und seicht. das war wirklich ein
kolossales Werk. überhaupt scheint es kaum glaublich, daß ein so kleines
land fähig seyn soll, die ungeheuren laufenden Ausgaben der jährlichen er-
haltung aller dieser Arbeiten zu bestreiten.
Broek ist ganz allerliebst, leider sah ich es nur beym regen. diese hüb-
schen, netten häuschen mit den Alleen und Bäumen dazwischen und den
gärtchen davor sind charmant, freylich ist es ein dorf, von millionären
(meistens getreidehändlern, die allwöchentlich nach Amsterdam kommen
und da ihre geschäfte machen) bewohnt statt von Bauern, deren es über-
haupt in holland nicht gibt, da es keinen Ackerbau gibt. doch sah ich die
einzige sogenannte ferme welche in Broek existirt, und sie war allerliebst.
der stall war reinlicher als anderswo die meisten Wohnhäuser. da er im
sommer leer stand, so waren die ständer blank geputzt und der Boden mit
blau und gelben Ziegeln von fayence belegt, und mit solchem geschirre etc.
waren die Wände alle behängt. noch viel hübscher waren die oder eigent-
lich das Wohnzimmer, denn die leute hatten 2 verschlossene Paradezimmer
mit einer unzahl von meubles, Porcelaine, nippes etc., darunter die obligate
bekränzte hochzeitspfeife, aber nur eines, worin sie wohnen, schlafen, ko-
chen, essen etc., und doch sieht es da so glänzend und nett aus wie in einem
Boudoir. die Betten sind in verschlossenen nischen, welche in den Wänden
angebracht sind wie auf den schiffen, und in dem spiegelhellen kleinen ka-
min, mit steinkohlen geheitzt, hängt der glänzend blanke kessel, worin ihr
kleines mahl gekocht wird.
sehr hübsch ist die kopfbekleidung hier und in ganz nordholland: silber-
ner und goldener kopfschmuck, stirnbänder, und Platten am hinterkopf
und den schläfen. die reicheren tragen an der stirn wohl auch Juwelen, wie
ich selbst in Broek sah.
nachdem ich auch die Art der Butter- und käsebereitung in der ferme be-
obachtet und dann einen kleinen hübschen englischen garten eines reichen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien