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Tagebücher460
den tag in lyon verbrachte ich meist zu hause lesend, weil ich schon am
letzten tage in Paris und seitdem eine mahnung meines alten leidens in
den geschlechtstheilen verspürt hatte, welches ich durch viele Bewegung
zu verschlimmern fürchtete. glücklicherweise aber hat sich diese meine
Besorgniß nicht bewährt.
montag früh 6 uhr setzte ich mich also in den eilwagen, ins coupé
zwischen 2 damen, wovon die eine aus Belley eine recht angenehme con-
versation hatte, das Wetter war sehr schön und die ganze fahrt ebenso.
Anfangs längs der rhône hin durch die schöne umgegend von lyon, über
meximieux, Ambérieux etc., dann in das charmante thal der Albarine bis
Belley, wo wir nach 2 uhr ankamen und aßen. kurz darauf passirten wir
die savoyische grenze, überstiegen auf einer ganz neuen schönen straße
den mont du chat und fuhren längs dem lac du Bourget bis chambéry, wo
ich vor 8 uhr ankam.
Aber hier fingen die Schwierigkeiten von Neuem an, weder auf dem Cou-
rier, der noch denselben Abend abging, noch auf der diligence Bonefons war
für diesen und für die nächsten 8 tage ein Platz leer, mit Postkaleschen,
wie dieß einen Augenblick meine Absicht war, von Post zu Post weiter zu
fahren, daran war bey dem zweifelhaften Wetter, bey dem jämmerlichen
Zustande dieser Wägelchen und bey meinen Zuständen nicht zu denken.
dieses Alles contrariirte mich sehr, besonders da ich in mailand schon alle
dispositionen für meine Ankunft heute den 3. hatte treffen lassen, aber was
war da zu machen?
man nannte mir zwar mehrere Personen, welche bereit wären, auf halbe
kosten mit extrapost und ihrem eigenen Wagen nach turin zu reisen, aber
auch diese hoffnungen wurden eine nach der anderen zu Wasser, so hielt
man mich den größten theil des folgenden tages hin, und ich mußte zuletzt
froh seyn, um 4 uhr nachmittags mit einem vettorino abfahren zu können,
der sich verpflichtete, mich heute Freytag Morgens nach Turin zu stellen.
mit zerrissenem herzen biß ich in den sauern Apfel, wir waren nicht weni-
ger als 7 reisende, ich und ein junger lümmelhafter angehender mediziner
im coupé, eine häßliche italienerinn mit 2 herren und zwey unausstehlich
lustige französische commis voyageurs in inneren des Wagens.
Kaum außer Chambéry fing es zu regnen an und dauerte so bis hieher
ununterbrochen fort. die erste nacht fuhren wir durch, natürlich schritt
vor schritt, man kann sich denken wie angenehm, und so den nächsten
tag, die unerläßlichen 2 bis 3stündigen halte abgerechnet, um die Pferde
zu erfrischen, aßen in s. michel, schliefen in modane, fuhren von da ge-
stern um 5 uhr früh weg und waren um 10 in lanslebourg am fuße des
mont cenis. da erklärte der lohnkutscher, er könne vor dem folgenden
tage nicht weiter, da er keine vorspannpferde auftreiben könnte, ich aber
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien