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46321.
November 1843
ich betrat mit wahrer freude mein comfortables Appartement wieder
und bin überhaupt nicht böse, wieder in mailand zu seyn. mit Ausnahme
von Paris hat es mir an keinem der orte, den ich auf dieser reise besuchte,
so wohl gefallen als hier.
heute habe ich nun meine visiten beym gouverneur, montecuccoli etc.
gemacht, ich fand mich bereits dem departement des grafen Paravicini
(Pubblica Benefienza) zugetheilt, welches gerade nicht meine Wahl gewesen
wäre, da ich gewünscht hätte, in ein interessanteres département zu kom-
men. Auch fand ich hier beym Praesidium ein Paket, welches mir fruchtlos
nachgeschickt worden war, es enthielt mein mémoire, welches ich im July
kübeck übersandte, nebst einer Antwort desselben, welcher mir zwar unter
schmeichelhaften Ausdrücken erklärt, die regierung glaube von meinen
Anträgen keinen gebrauch machen zu sollen. legen wir mithin dieses zu
den todten.
trubetzkoi ist hier, von der unglücklichen Badener geschichte,1 Julie
samoyloff ist so eben vom lande zurückgekommen. Alles ist so ziemlich
beim Alten. general martini ist director der neustädter Akademie gewor-
den und geht nächstens ab, Pergen dürfte auch bald fortkommen, Pallavi-
cini und henikstein sind auf ein Jahr in Pavia.
der plötzliche tod des armen Benzoni am thyphus, den ich gestern er-
fuhr, hat mich frappirt. Auch einige andere Bekannte sind mittlerweilen
gestorben.
gabrielle ist in leutomischel, und es scheint, als ob sie zur kaiserinn
mutter kommen dürfte,2 der hof wird erst mitte december und zwar nach
venedig kommen, so sehe ich sie also nicht vor februar.
[mailand] 21. november
da ich erst in der nächsten sitzung nach meiner Ankunft, also am frey-
tag den 10. meinen eid ablegen konnte,3 so hatte ich einige freye tage vor
mir, von denen ich zwey dazu benützte, mit trubetzkoi und dem ingegnere
garavaglia (welcher für ihn und für marie taglioni bey Blevio zwey vil-
las baut) nach como zu fahren. obwohl wir vom Wetter nicht begünsti-
get waren, so war die fahrt doch eine recht angenehme, wir wohnten bey
den vigoni in Blevio, welche recht liebenswürdige leute sind, und zwar in
der villa Belvedere oder crompton, und sahen die beyspiellosen boshaften
verwüstungen, welche nora’s Ziehvater, der infame crompton (oder mar-
1 gemeint ist wohl das duell göler-vereffkin, vgl. eintrag v. 17.9.1843.
2 gemeint ist karoline Auguste, die vierte gattin und Witwe kaiser franz i. sie war nur ein
Jahr älter als kaiser ferdinand.
3 den diensteid als neu ernannter gubernialsekretär.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien