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Jänner 1844
doch ist es einerseits gut, daß sie ging, denn das spiel wurde da immer hö-
her und höher. mit erzherzog stephan ist es nichts, seine kammerherrn
sind bereits ernannt: grünne, lazanzky und hoditz, und ich tröste mich dar-
über.
[mailand] 15. Jänner
Was ich letzthin als Befürchtung aussprach, ist nunmehr Wirklichkeit ge-
worden, ich sitze tag für tag stundenlang bey lucile grahn und glaube bey-
nahe, daß ich schon in allem ernste verliebt bin. Bey mir fängt die liebe im-
mer im kopfe an, so ist es dießmal, so war es mit clotilde lottum, an welche
mich lucile überhaupt oft erinnert. sie ist außerordentlich liebenswürdig,
lebhaft, gebildet, geistreich und distinguirt in ihren manieren, wie es nur die
hochgeborenste und wohlerzogenste dame seyn könnte. dabey gerade soviel
caprices und muthwillen als nöthig ist, einem den kopf zu verdrehen, und
das resultat Alles dessen ist, daß ich täglich verliebter weggehe als ich kam.
Außer mir kommen noch Walmoden (der sie sehr liebt) und der unaussteh-
liche lotzbeck häufiger hin, und nächstens gibt ihr Walmoden ein kleines
diner, worauf ich mich ihretwegen schon im voraus freue. das ist nun Alles
sehr schön und angenehm, aber das fatale aller solcher theaterbekannt-
schaften, die hunderttausend kleinen cabalen, rivalitäten, dicussionen,
lamentationen etc. bleiben auch hier nicht aus, besonders da fanny elssler
nebst dem vortheile ihres großen rufes auch noch eine menge Protecteurs
hat, vor Allem Pachta, und daher comme de raison seinen einfältigen nach-
beter spaur cum suis. fanny trat vorgestern zum ersten male im Ballett
Armida auf, welches das jämmerlichste machwerk ist, das ich je gesehen,
sie gefiel, doch mäßig, und gestern schon war das theater ziemlich leer,
mir gefiel sie gar nicht, noch weniger als in hamburg, sie hat einen complet
schlechten geschmack, kein Aplomb, unedle Bewegungen, und nur sehr viel
gelenkigkeit in den füßen (nicht Beinen) und viele kraft in den fußspitzen.
Alles dieses hindert nicht, daß in der loge spaur ein ebensolcher besof-
fener lärmen gemacht wird wie voriges Jahr für die taglioni, und daß die
conversation aus nichts Anderm besteht als Persönlichkeiten und Animo-
sitäten, was wohl zur folge haben wird mich von da zu verscheuchen, denn
das ist dann doch gar zu kleinstädtisch und langweilig.
übrigens saß ich den ersten Abend, da fanny tanzte, sowie am vor-
abende, da generalprobe war, ruhig und selig en tête-à tête bey lucile, und
gestern Abend hatte ich eine loge in höchster höhe genommen, wo sie inco-
gnito zusah, und ich mit ihr.
unter diesen umständen kömmt es mir ganz gelegen, daß mein verhält-
niß zu luigia Bianconi sich spurlos, gleichsam im sande, verloren hat. seit
ich von meiner reise zurückgekehrt bin, ist sie einmahl und zwar kurz nach
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien