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Tagebücher470
meiner Ankunft bey mir gewesen, und seitdem nicht mehr, sie war wohl mit
mir nicht zufrieden, denn gestern sah ich sie im theater, ohne daß sie bey
mir gewesen ist. Auf jeden fall war diese die bequemste liaison, die ich je
gehabt, bequem in ihrem Bestande wie im Aufhören.
nachdem es durch den ganzen Winter bisher außerordentlich schön und
mild geblieben mit Ausnahme dichter nebel, die den größten theil des de-
cember herrschten, hat es nun in der vergangenen Woche ziemlich stark ge-
schneyt, und seitdem haben wir eine grimmige, jedoch trockene kälte und
schöne tage. das maximum waren bisher 6–7° r. unter null.
[mailand] 28. Jänner
es gibt wirklich momente im leben, in denen der klarste, ruhigste geist an
sich irre wird und sich selbst nicht verstehen kann. ich z.B. habe nie son-
derlich an dieser unklarheit des eigenen Bewußtseyns gelitten, ich wußte
mir so ziemlich immer rechenschaft von dem zu geben, was ich eigentlich
wollte und was mich eben beschäftigte, und doch widerfährt es mir jetzt,
daß ich vor mir selber stehe wie ein fremder und mich nicht begreife. ist es
langeweile, ist es unlust an meiner jetzigen existenz oder der mangel an
gegründeter hoffnung, diese mit einer andern vertauschen zu können, denn
dePont hat mir auf meinen Brief wegen der diplomatie noch immer nicht
geantwortet, und meine südamerikanische expedition ist längst aufgegeben,
ist es dagegen die Aussicht auf eine in naher Zukunft unvermeidlich erschei-
nende catastrophe, durch finanzielle gründe hervorgerufen, ist es lucile
grahn oder Alle diese ursachen zusammengenommen, so viel ist gewiß, daß
ich mich nie in einer so complicirt gewaltsamen gemüthsstimmung befun-
den habe als wie seit einigen tagen, es ist eine Art von fatalismus, und ich
sehe keinen Ausweg vor mir, ja ich rolle mit beschleunigter geschwindigkeit
in den Abgrund hinab. ich hätte nicht geglaubt, daß ich noch im stande sey,
mir durch ein Weib den kopf so sehr verwirren zu lassen, und doch ist es
so gekommen. obwohl ich dieser neuen Aufregung viele angenehme stun-
den, ja eigentlich den ganzen reiz meines gegenwärtigen lebens verdanke,
so kann ich mich doch nicht darüber freuen, eine nähere liaison mit einer
tänzerinn, d.h. eine, wobey das herz oder wenigstens der kopf im spiele ist,
hat wenig licht- und viele schattenseiten, erstlich die endlosen intriguen,
Partheyen und disappointments, in die man verwickelt wird. dann muß man
sich ein für Alle mahle bescheiden, sich mit der zweyten rolle zu begnügen,
denn die erste nimmt im herzen jeder wahren künstlerinn das Publikum
und der ehrgeiz ein, und endlich sollte niemand als ein könig oder ein mil-
lionär dergleichen Passionen haben.
übrigens kann ich von meiner lucile nichts Anders sagen, als daß sie über
jeden vorwurf in einer der obigen richtungen erhaben ist, sie ist liebens-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien