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Tagebücher482
eben verunglückt, im kirchenstaate spukt es, und in venedig haben in folge
obiger vorfälle mehrere Arrêtirungen, unter andern die eines Bekannten
von mir, strani, eines korfioten, stattgefunden, in unserer ganzen marine
soll ein sehr übler geist herrschen, am lido sind kanonen aufgefahren, ein
regiment kömmt nächstens nach venedig herein, und alle geister sind dort
preoccupirt, doch glaube ich, daß man ins schwarze mahlt, auch Albert nu-
gent, ein sohn des feldzeugmeisters, ist nach malta gegangen.1
[mailand] 16. April
Wenige tage nach meiner rückkehr von venedig erhielt ich einen Brief von
flore rücksichtlich meiner diplomatischen Projekte. fürst metternich hatte
das mémoire, welches ihm Bombelles übergeben hatte, sehr gut aufgenom-
men, lange mit ihm darüber gesprochen, und es scheine sich ein Posten in
lissabon oder Brasilien für mich entwickeln zu wollen, so ließ mir Bombelles
sagen, ich antwortete gleich um flore aufzutragen, cum grano salis dahin zu
wirken, daß ich mit Brasilien verschont würde, auf ein, höchstens 2 Jahre
ginge ich recht gerne hin, bey der entsetzlichen langsamkeit aber, womit
sich fürst metternich zu jedem Personenwechsel entschließt, sehe ich vor-
aus, daß es mit ein paar Jahren nicht abgethan seyn würde, und dazu bin ich
nicht mehr jung genug.
Auf der anderen seite spricht man mir von einem möglichen Avancement
nach venedig, und auch dieses wäre mir ganz angenehm, wie ich nun Palfy
kenne, besonders, kurz ich weiß nicht, was ich soll und will, ich fürchte mich
mit einer Art von abergläubischer Besorgniß, bey der konstruktion meiner
Zukunft selbst hand anzulegen und mein schicksal zu verwickeln, damit
es mich nicht späterhin gereue, ich möchte es ohne mein Zuthun an mich
kommen lassen, um mir freyheit der reflexion und des handelns zu bewah-
ren, über alle diese kleinen Avancen und vortheile aber, die mir entgegen-
kommen, ärgere ich mich mehr als sie mich freuen, denn es sind ebensoviele
haken und häkchen, die mich in meiner gewohnten lebensbahn festhalten.
das gescheidteste aber wäre, ich ginge ganz, da würde ich erst gesund. Auch
war es nicht ernsthaft gemeint, als ich gleichsam pour l’acquit de ma con-
science und um mit der Welt abzuthun, die schritte machte, auf die man mir
nun ganz ernsthaft erwidert, aber wie gesagt, das Beste wäre, ich ginge, mit
dem, worauf ich hoffte und baute, ist es ohnehin aus, für mich wenigstens,
1 Diese Information konnte nicht verifiziert werden, scheint aber eher unwahrscheinlich.
graf Albert nugent, sohn des feldzeugmeisters und 1849 feldmarschalls graf laval nu-
gent, stieg in der Armee zum oberst auf, in den einschlägigen informationen zur familie
finden sich keine Hinweise auf eine mögliche Beteiligung an national-italienischen Bestre-
bungen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien