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April 1844
unsere kinder mögen es allenfalls erreichen, wenn nur die vermaledeyte
selbsttäuschende hoffnung nicht wäre, die wie ein schlechter Jud beym
fenster wieder hereinschleicht, wenn man sie hat die treppe hinunter wer-
fen lassen, und dann die hundsnatur im menschen, die mit etwas vorlieb
nimmt, wenn sie einsieht, daß sie nicht Alles haben kann.
ich habe wieder einige schandschriften gelesen, die das arme Büchlein
„oesterreich und seine Zukunft“ zu tode hetzen möchten. solche gegner
können ihm nur nützen, und ich habe noch keinen einzigen gefunden, der
nur einigermaßen à la hauteur seines gegenstandes gewesen wäre, einen
Artikel in der deutschen Allgemeinen Zeitung (23. may 1843) vielleicht
ausgenommen,1 und von allen denen, die für und wider geschrieben, und
ihre Zahl ist legion, hat keiner den wohlwollenden Zweck erkannt und
hervorgehoben, dem die schrift ihren ursprung verdankt, bald war es ein
feudalstolzer, mittelalterlicher dynast, bald ein thronenstürmender dem-
agog, der sie geschrieben hatte, und nie ist einer auf die Wahrheit verfal-
len, ich hätte oft lust, mit einem einfachen und bestimmten schlußworte
mich einmahl noch über Alles dieses auszusprechen, aber ich sehe so wenig
rechtlichkeit, soviel absichtlichen, bösartigen mißverstand in dieser ganzen
fehde, daß es mich anwidert, sie von neuem anzufachen. vielleicht thue ich
es doch.
franz schönborn ist zu Preßburg im duell geblieben, herr v. Arnstein
erschoß ihn, der streit entstand bey einer Pistolenwette und über das Wort
Judenkniffe, welches sich sch. gegen A. erlaubte, es thut mir um ihn leid,
doch er hat was ihm gebührte, denn es gab keinen ärgern krakeler als ihn.
das wäre nun seit september der vierte aus unserer gesellschaft in Baden-
Baden: göler, vereffkine, sarachaga2 und schönborn.
lucile hat mir neulich aus london geschrieben, der tag ihres Auftretens
ist noch ungewiß.
die scala ist dieses frühjahr geschlossen und wird erst zur Zeit des
congresso degli scienziati wieder aufgehen.3 in der canobbiana ist eine
schändliche französische komödie, doch soll in diesen tagen mlle Anaïs vom
Théatre Français auftreten. Im Teatro Ré singt Rosine Picco, aus Mexico
zurückgekehrt. das tropische clima hat ihr stark zugesetzt, ihr herz ist
aber immer gleich warm geblieben, im grunde ist das ebenso schön als wun-
derbar, denn ich habe sie, besonders vor 2 Jahren hier in mailand, wirklich
schändlich behandelt.
1 vgl. zu dieser rezension einträge v. 3.7. und 30.8.1843.
2 es handelt sich wohl um georg v. sarachaga, siehe seine schriften zur Affäre göler-haber-
vereffkin bei eintrag v. 17.9.1843
3 vi. congresso degli scienziati italiani, 12.–27.9.1844 in mailand.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien