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September 1844
nach aber familiarisirte ich mich mit dieser idee und rechnete nur mehr
auf mein gutes glück und meine freunde, um mich nach 3–4 Jahren von
rio-Janeiro zu erlösen.
ich hatte also nun ungefähr 14 tage vor mir, in denen nämlich bis zur
rückkehr des Baron ottenfels nichts geschehen konnte. in dieser Zeit
machte ich zahllose landparthien, welche meistens zu dem Zwecke arran-
girt wurden, die langersehnte heirath zwischen gabrielle fürstenberg und
dem millionär Pallavicini zu stande zu bringen, welches endlich zu unserer
allseitigen Befriedigung auf der hohen Warte bey döbling in unserm Bey-
seyn erfolgte, zur großen freude seiner schwester irène Arco und flore’s,
welche eigentlich diese Parthie einzig und allein zusammengebracht hat.
übrigens war Wien schon ziemlich leer, ich saß, wie ich noch thue, fast
alle Abende im club, ging zuweilen zu uechtritz, in die italienische oper,
welche vortrefflich war, und sah bey jedem Schritte halbvergessene und
verschollene Bekannte aus allen ecken und enden der Welt wieder. meine
ernennung betrachtete ich nach Allem, was ich sah und hörte, als ziemlich
gewiß.
endlich in den allerersten tagen July’s kam ottenfels von carlsbad zu-
rück, und ich ging sogleich zu ihm. Aber wie groß war mein erstaunen,
als mich dieser ganz fremd empfing, behauptete, er wisse von der ganzen
sache nichts (während mir doch Bombelles ausdrücklich in seinem namen
jenen Antrag wegen Brasiliens nach mailand geschrieben hatte), und als
ich ihm wie dem fürsten von der mir von graf hartig angedeuteten Art
und Weise meines Übertrittes sprechen wollte, damit anfing: es müßte vor-
erst die quaestio an entschieden seyn, ehe man über die quaestio quomodo
débattiren könne. übrigens fügte er bey, daß er mit fürst metternich noch
nicht über diesen gegenstand gesprochen habe, und er mir daher erst in
einigen tagen etwas näheres sagen könne.
ich war wie aus den Wolken herabgefallen, unglücklicherweise war Bom-
belles eben in ungarn und sollte vor mehreren Wochen nicht zurückkehren,
sonst hätte ich ihn diese sache ausfechten lassen. hartig aber, an welchen
ich mich unter diesen umständen wandte, erklärte mir ganz kurzweg, er
könne und wolle sich in die sache nicht mischen, was Andere eingebrockt
hätten, sollten sie nun auch austrinken, er würde, wie er mir schon verspro-
chen habe, falls man ihn befragen sollte, Alles gute über meine Persönlich-
keit berichten, sonst aber sich jeder weiteren einmischung enthalten.
Als ich nach einigen tagen wieder zu ottenfels kam, sagte mir dieser
bloß, er hätte mit dem fürsten über mich gesprochen, und vor der rück-
kehr desselben von ischel à triest, also im oktober, würde auf keinen fall
etwas entschieden werden. diesem fügte er seinerseits den rath bey, in
meiner jetzigen carrière als einer weit gesicherteren und vortheilhafteren
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien