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Tagebücher488
zu verbleiben, auf jeden fall aber mittlerweile nach mailand zurückzuge-
hen, wobey er mich zugleich versicherte, der Posten in Brasilien sey bereits
Jemand Anderm zugedacht. in derselben Zeit, d.i. wenige tage nach ot-
tenfels rückkehr, reiste fürst metternich nach ischel ab, ich konnte ihn
nicht mehr sprechen, doch ließ er mir sagen, ich möchte bis nach seiner
rückkunft gedulden.
so standen also die sachen, von seiten ottenfels’ wenig oder keine hoff-
nung, bey dem fürsten schöne Worte, ohne daß ich deren eigentlichen
Werth ermessen konnte. dagegen aber wußte ich durch Baron daiser, den
bisherigen gesandten in Brasilien, den ich öfters in hietzing aufsuchte und
der an mir ebensoviel Gefallen zu finden schien als ich an ihm, sowie auch
durch mehrere Äußerungen ficquelmonts, daß man mich für den Posten in
Brasilien bestimmt allgemein ansehe. nun war ich in großen Perplexitäten,
sollte ich nach mailand zurückgehen ohne rücksicht auf Alles, was mich zu
dieser reise bewogen hatte, und die erwirkung einer entscheidenden Ant-
wort nach fürst metternich’s rückkunft Andern überlassen, und hiernach
von mailand aus die entscheidendste Phase meines lebens über mich her-
einbrechen lassen? oder sollte ich hier bleiben? Aber wie, unter welchem
offiziellen Deckmantel?
ich machte zu dieser Zeit die Bekanntschaft des staatsrathes gervay,
eines sehr schlichten, theilnehmenden mannes, welcher mir auf eine Art
die wahre Aufrichtigkeit andeutete, seine unterstützung versprach, mir
aber zugleich sehr lebhaft zuredete, nach mailand zurückzugehen. dieses
letztere gab dann den Ausschlag, meine Angelegenheit schien mir in gu-
ten händen, und so wäre ich denn wahrscheinlich nach mailand (was sehr
dumm gewesen wäre) heimgekehrt.
gerade um diese Zeit, als ich schon halb und halb mit der idee der heim-
kehr vertraut war und nur mehr auf Bombelles’ Ankunft warten wollte,
erhielt ich auf indirektem Wege, d.i. durch flore, graf lützow und en der-
niére instance graf kolowrat, einen Wink, daß ich sehr übel thäte, so un-
verrichteter dinge nach hause zu gehen, und als ich hierüber mit lützow
eine förmliche explication hatte, meinte dieser sogar, ich sollte nach ischel
dem fürsten nachreisen (und hinsichtlich des Postens in Brasilien wäre
es vielleicht nicht übel gewesen, wenn ich diesem rathe gefolgt wäre). da
es mir aber nicht gegeben ist, mit dem front d’airain eines unabweisbaren
solliciteur aufzutreten und mich über so manches hinweg zu setzen, was
mit diesem sicher zum Ziele führenden métier verbunden ist, so ging ich
darauf nicht ein. überhaupt hatte ich immer die Ansicht festgehalten, daß
der Antrag wegen Brasiliens nicht von mir sondern an mich ausgegangen
war, und ich daher nicht als supplicant sondern als negociant auftreten
müsse.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien