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September 1844
so wurde denn dann die idee meiner provisorischen Zuweisung bey der
hofkanzley zwischen uns ausgedacht, doch mußte ich die mühe und gefahr
ihrer realisirung übernehmen. das geschah übrigens ganz leicht, indem
ich flore, welche mit inzaghy sehr liirt ist, in die Bresche schickte, ich ging
dann bloß pro forma hin, und in ein Paar tagen war die sache entschieden.
Was mich jedoch befremdete, war, daß bey dieser gelegenheit in der ämt-
lichen correspondenz zwischen inzaghy, spaur und dem vicekönige von
meiner wahrscheinlichen Bestimmung nach rio Janeiro die rede war.
ich wurde also Anfangs der studienhofcommission, und zwar dem de-
partement der volksschulen, regierungsrath Purkarthofer, zur Bearbei-
tung einiger wichtigerer zurückgebliebener geschäfte zugetheilt, und zwar
wegen der einführung von marineschulen in dalmatien und regulierung
des volksschulwesens daselbst etc. Als ich damit zu ende war, hatte ich
dann freylich fast nichts zu tun, wurde aber dann und zwar erst vor we-
nigen tagen, auf mein Begehren von Baron Pillersdorf, welcher bey dem
inzwischen erfolgten Tode der armen Gräfinn Inzaghy und der dadurch
veranlaßten Abreise des obersten kanzlers die leitung der hofkanzley
übernahm, dem italienischen departement zugetheilt, so daß ich jetzt erst
sagen kann, festen fuß bey der hofkanzley gefaßt zu haben. daß mir dieses
unter jeder voraussetzung nur sehr vortheilhaft seyn kann, versteht sich
von selbst, und deßhalb wünsche ich mir in doppelter hinsicht zu diesem
Ausgange glück.
in Betreff meiner diplomatischen Angelegenheit konnte inzwischen nur
wenig geschehen. fürst metternich kam zwar in folge der Anwesenheit des
königs von Preußen um die mitte August hieher zurück, erkrankte aber
gleich am tage nach meiner Ankunft und reiste nach 8 tagen wieder nach
triest ab, so daß ich ihn gar nicht zu gesichte bekam. Alle andern gros bon-
nets waren und sind noch gegenwärtig abwesend und werden erst ende die-
ses monats anfangen nach und nach heimzukehren. Bombelles ist ebenfalls
mit den jungen Prinzen auf reisen,1 er schien übrigens über ottenfels’ dop-
pelzüngigkeit, die ich ihm ohne rückhalt schilderte, ebenso compromittirt als
ungehalten, sprach mir ganz offen über die lage der dinge und sagte, otten-
fels sey von allem Anfange an mit meinem übertritte als der für ihn heiligen
bureaukratischen observanz entgegen nicht sehr einverstanden gewesen, ich
solle mich daher mehr an ficquelmont halten. ein merkwürdiges chaos von
einer Administration, bey der man nicht weiß, wer koch, wer kellner ist.
indessen aber hat mir ottenfels einen vorsprung abgewonnen, der Po-
sten in Brasilien ist vergeben an einen gewissen sonnleithner, Zögling der
1 graf heinrich Bombelles war erzieher der söhne von erzherzog franz karl, darunter der
spätere kaiser franz Joseph.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien