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September 1844
und die bequeme eisenbahn zu benützen, in die Brühl, nach Baden, wo ich
auch einmahl auf einem recht hübschen subscriptionsballe war und bey
dieser gelegenheit ob mangel an unterkunft mitten in eine honnette Bür-
gersfamilie einlogirt wurde, in welcher es eine charmante tochter gab. daß
es dabey an einer bonne fortune nicht fehlte, versteht sich hier zu lande
von selbst.
überhaupt wundert man sich, wenn man eine Zeitlang von hier weg war
und besonders wenn man aus italien kömmt, über die leichtigkeit der hie-
sigen frauen besonders aus den mittleren ständen. ohne auf die Jagd von
dergleichen Abenteuern auszugehen, was nie meine sache war, habe ich
deren in dieser kurzen Zeit nun schon 3–4 gehabt, mein vis-à-vis in mei-
ner anfänglichen Wohnung in der stadt frankfurt, eine kaufmannstochter
Bertha voit, die genannte hübsche Badnerinn, eine schöne croatinn, frau
v. Pissachich, auf die ich zufällig stieß, da ich nach einer Wohnung für mich
suchte, und die mich dann mit einladungen, Billetts etc. verfolgte, endlich
gegenwärtig eine ganz allerliebste grisette, Julie mit nahmen, welche mich
durch ihre natürliche grazie und einfachheit wirklich so sehr interessirt,
wie ich es bey einer Person ihres standes bey mir nie für möglich gehalten
hätte, ich glaubte bisher, dieser typus existire in Wien gar nicht.
sonst gehe ich viel in die theater, aus alter Anhänglichkeit oft ins Ballet,
wo ich dlle Blangy bewundere, französische comödie haben wir nun auch,
und machmal in die vorstadttheater, obwohl ich mich da jedesmahl über
die trivialen gemeinheiten jener Bühnen ärgere. es sind wahre moralische
verderbungsanstalten für das volk, hätte ich was zu sagen, ich ließe sol-
che kerle wie carl, scholz und besonders nestroy mit hunden hinaus het-
zen, denn solche Bestien verderben das volk in grund und Boden, wo ein
solcher roher cynismus, eine solche krasse geschmackslosigkeit Wurzel
greift, da kann kein edleres, höheres gefühl fortkommen. das mag freylich
in den kram der regierenden taugen, tant pis. übrigens bemerke ich mit
freuden, daß bereits eine starke reaction im Publikum gegen solche Pöbel-
haftigkeit beginnt. ich befördere diese regungen!
im club ist kaum ein mensch mehr, ausgenommen den fürchterlichen
lazzi festetics, den guten aber nicht viel amusanteren onkel troyer, al-
lenfalls lichnowsky etc. mitunter fällt ein durchreisender auf einen oder
2 Abende in unsere hungrige löwengrube als wahrer daniel. mathilde
Berchtold war vor kurzem auf 8 bis 10 tage hier sammt mann, kindern
und noptsa. Auch emmanuel und charlotte Zichy kamen hieher, um sie zu
sehen. das interessanteste ereigniß war unstreitig der Besuch des königes
von Preußen, er wurde sehr fêtirt, obwol man ihm, dank sey es der merk-
würdigen einrichtung unseres hofstaates, keine andern festlichkeiten zu
geben wußte als immer und immer wieder theaterliche vorstellungen, de-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien