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Tagebücher496
trier zum heiligen rocke zu wallfahrten. Aber der mann muß noch geboren
werden, dem zu gefallen ich den heuchler spielen würde. Zu ficquelmont,
der sich früher sehr warm um mich angenommen haben soll, gehe ich in
einigen tagen, denn er ist so eben erst angekommen. ottenfels ist auf ur-
laub in croatien. Bey hartig war ich, fand ihn aber nicht, und nach der
unsanften Weise, mit der er mich das letzte mahl, da ich ihm von meinen
Angelegenheiten sprach, aufgenommen hat, bin ich zu stolz, um ihm das
geringste weiter davon zu sprechen, falls er mir nicht entgegenkömmt. da
Brasilien nun besetzt ist, dachte ich Anfangs an Athen, doch rieth man
mir davon ab, hauptsächlich wegen des unangenehmen charakters des ge-
sandten Prokesch, wir wollen nun sehen. Plätze sind genug, ich habe mir
durch dilgskron ein vollständiges verzeichniß derselben verschafft und ge-
denke nun dieses zu exploitiren.
gabrielle hat ihre entlassung eingereicht, d.h. sie hat auf die erklä-
rung der berühmtesten Ärzte italiens, welche jetzt in mailand versammelt
waren,1 um ihre entfernung von dort gebethen, indem das lombardische
clima für ihre leberbeschwerden äußerst gefährlich sey. sie wird nun wohl
bald auf urlaub hieher kommen und hier ihr weiteres schicksal abwarten.
vor ein Paar tagen wurde die heirath meiner cousine Almérie Belcredi
mit hugo taxis declarirt, eine sehr vortheilhafte Parthie, mein onkel fünf-
kirchen hat morawetz an die Prinzessinn Wasa um ein lastgeld verkauft.
das sind die neuesten ereignisse in der familie.
sidonie reviczky kömmt heute ebenfalls in die stadt, somit war unsere
trennung keine lange, unser verhältniß ist ganz dasselbe geblieben, sie ko-
kettirt mit mir nach wie vor, und ich glaube nach wie vor, daß es, vielleicht
ihr selber unbewußt, mehr als bloße koketterie ist, nur scheint mir, daß mir
jetzt weniger daran gelegen ist als früher, wenigstens ennuyire ich mich
jetzt leichter bey ihr als sonst, meine gedanken haben einmahl diese rich-
tung verlassen, und das ist bey mir die hauptsache, ich liebe bey frauen
vor Allem les positions tranchées, und deßwegen halte ich eine explication
immer für gut, man gewinnt dabey so wie so.
[Wien] 24. oktober
ich bin in diesen tagen aus meiner bisherigen Wohnung im römischen
kaiser ausgezogen und habe mir eine ziemlich hübsche, nur etwas hohe
Wohnung im traun’schen hause in der herrengasse genommen. es sind
noch sehr wenig leute, eigentlich niemand, in der stadt, und diese weni-
gen fahren wegen der Jagden auf und zu. der club, meine hauptressource,
ist jetzt leerer als jemals, und die wenigen menschen, die dahin kommen,
1 Anlässlich des vi. congresso degli scienziati italiani vom 12.–27.9.1844 in mailand.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien