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November 1844
sind kaum menschen zu nennen. eine Ausnahme bildet lato Wrbna, der
wirklich ein ausgezeichneter genialer mensch ist, ich hatte letzthin mit ihm
im club eine discussion, welche beynahe 3 stunden dauerte, über deut-
sche und slavische nationalität und oesterreichs Aufgabe und Zukunft bey
diesem Conflikte, er geht von andern Principien aus als ich, betrachtet die
dinge bloß vom monarchischen und gouvernementalen standpunkte und
hat von deutschland und deutschthum keine hohe meinung, aber was er
sagt, hat hand und fuß.
Wegen meiner diplomatischen sache kann nichts geschehen bis ottenfels
zurückkömmt, ich habe ficquelmont und münch gesprochen. man hatte
mir von rom geredet, wo eben kein secretär ist, da ist es aber nichts, weil
der junge ottenfels dort als commis dient und sein vater deßwegen keinen
secretär dahin schicken will – !! – moritz diet[richstein] geht nächstens
nach london ab, die anderen neuernannten gesandten Woyna, esterhazy
und neumann müssen bald hier eintreffen.1
ich gehe sehr oft zur reviczky, um so öfter, als ich wirklich oft nicht weiß,
wo ich sonst hin gehen soll, besonders da ich wie immer ein abgesagter
feind des theaters bin, nur für Ballette und allenfalls für einige französi-
sche vaudevilles mache ich eine Ausnahme.
Wien 14. november 1844
Wir haben jetzt eine Art Altenweibersommer, sehr schöne warme tage, die
uns für den garstigen sommer entschädigen sollen. übrigens ist es noch
immer todt und langweilig, und nach Allem was ich sehe, wird es auch wohl
so bleiben, ich erkenne Wien nicht mehr, es ist zu einer wahren Provinzi-
alstadt geworden. die jungen Weiber von ehemals sind älter, wo nicht alt
geworden und haben sich eine jede ihren liebhaber genommen, mit dem sie
auf eine idyllische Weise leben, einen nachwuchs an jungen frauen gibt es
gar nicht, und die männer gehen nun fast gar nicht mehr in gesellschaft,
sondern sitzen im Club und spielen. Das thue ich denn auch, finde aber,
daß es herzlich langweilig ist, immer dieselben (und was für) menschen und
dieselben (und was für) discurse! sollte ich längere Zeit hier zubringen, so
muß ich trachten, eine einigermaßen erträgliche Gesellschaft aufzufinden.
Aber wo? in die hiesige Banquierswelt habe ich hineingeguckt und gesehen,
daß sie nicht um ein haar geistreicher ist als die unsrige, und noch das
unangenehme hat, daß einem die leute alle Augenblicke einen giftigen
Brocken über Aristocraten und Aristocratie vor die füße werfen, und so
wenig ich aus grundsatz Aristokrat bin, so ist es doch immer unangenehm.
1 graf eduard Woyna wurde nach Brüssel ernannt, freiherr Philipp v. neumann nach flo-
renz und graf valentin esterházy nach stockholm.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien