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ternich fürchten für ihre haut, und der Palatinus tergiversirt mit beyden
Par theyen, und solange diese leute leben, geschieht nichts, und das ist
noch der einzige dienst, den sie uns erweisen. es ist merkwürdig zu sehen,
wie alle unsere Potentaten die nothwendigkeit so mancher verbesserun-
gen einsehen und darin sogar weiter gehen, als man für möglich hielte, wie
es aber zur Ausführung kommt, sich fürchten, die kleinste neuerung zu
gestatten. ein ganzer mann ist heutzutage eine seltenheit.
list, der nationalökonom, ist hier und speist morgen sammt allen ma-
tadors der regierung bey graf kolowrat. emerich Bethlen ist hier, und
ich sehe ihn sehr oft, er ist einer der wenigen menschen, welche das mittel
gefunden haben, in Wien bey gesundem verstande zu bleiben. es ist eine
eigene sache um das hiesige leben und treiben. Jedermann will und sucht
etwas und arbeitet auf eine oder die andere Art empor, und wer nichts reel-
les zu suchen hat, der fingirt sich selber ein Ziel seines Jagens und betrach-
tet als sein summum bonum, vom fürst metternich eine viertelstunde
lang in einer fensterecke festgehalten zu werden oder zu den habitués der
fürstinn louise schönburg zu gehören. Jemandem, der wie ich nunmehr
an das behagliche freylich auch halb scheintodte genußleben in italien ge-
wohnt ist, kömmt dieses ganz absonderlich vor. Aber die idee der mensch-
lichen Würde, daß man nämlich durch sich selber etwas seyn könne und
nicht durch seine charge oder seine verbindungen, das fällt hier keinem
menschen ein. o großer fourier! nach und nach aber gehen den leuten
die Augen auf, den hohen, nicht den Andern, denn die sind ganz hündisch
froh, sich pudeln lassen zu können. Aber das nützt freylich nicht viel, wenn
sie zugleich den muth nicht besitzen, nach ihrer besseren einsicht zu han-
deln. Aber sie sind wie Wirthsleute im letzten monathe ihrer Wirthe, wel-
che die einfallenden Wände nicht wieder aufrichten mögen, weil sie wissen,
es werde ohnehin nicht mehr lange dauern. Ainsi sois-il! Amen.
salm ist hier als glücklicher gouverneur und Bräutigam1 und conferirt
wegen des herannahenden böhmischen landtags, da sieht es etwa confus
aus. erzherzog stephan (den ich neulich hier sah, und der mir die schön-
sten sachen sagte) kann oder will auch nicht viel thun, alle stellen, die
höchste, das Gubernialgremium an der Spitze, sind käuflich und sinken
täglich mehr in der öffentlichen Achtung, und die opposition, besonders
unter dem Adel, wird immer stärker, sogar hans kolowrat ist ein demagog
geworden!
gabrielle ist seit 10–12 tagen in Wien und wohnt bey flore.
1 der stellvertretende oberstburggraf von Böhmen Altgraf robert salm-reifferscheidt hatte
sich mit Gräfin Felicie Clary-Aldringen verlobt, sie heirateten am 7.6.1845.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien