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Tagebücher506
in derley dingen sehr gut informirt und weiß besonders, wie unsere macht-
haber darüber denken, aber doch gebe ich die hoffnung nicht auf, ein mi-
sérables Blatt wie der Adler ist noch kein Beyspiel, und der gute Zedlitz ist
wie die meisten schriftsteller in den fünfzigern gerne ruhig und behaglich,
ißt und trinkt gerne gut. das hat er Alles, warum soll er sich dann noch
um etwas Weiteres bekümmern, er fürchtet sich mehr als irgend Jemand,
anzustoßen und den gros bonnets zu mißfallen, von einer eigenen über-
zeugung und dem muthe sie auszusprechen, ist schon gar keine rede – ein
erbärmliches geschlecht, diese Poëten.
Neulich fiel à propos de cela eine spaßige Geschichte vor. Hammer wollte
über die bekannte langweilige controverse, ob man gratz oder grätz sagen
solle, einen Artikel in die Wiener Zeitung einrücken, der voll persönlicher
invectionen gegen einen grätzer Professor war, und an welchem dann die
censur manches strich. darüber rannte dann hammer mit seiner gewohn-
ten leidenschaftlichkeit zu allen ministern etc., und als er nichts erreichte,
lud er sämmtliche hiesige litteraten zu einem thee, um daselbst eine Pe-
tition an den kaiser um milderung der censur zu berathen. Zedlitz und
mehrere Andere erschienen nicht, und ersterer hatte darüber mit hammer
in einem salon einen sehr eklatanten Auftritt, welcher aber, wie dieß bey
Zedlitz gewöhnlich seyn soll, bey bloßen Worten blieb.
übrigens will jetzt die regierung in Pesth eine deutsche Zeitung grün-
den, der frühere verleger des ultraliberalen hirlap, landerer, soll eigen-
thümer derselben werden, und ein deutscher magistratsrath treker, da sich
aber neulich als herr v. Járossy magyarisiren ließ, und ein Jude hirschel
die redaktoren. überhaupt ist es ein scandal, welche rolle das geld und
die Bestechung in ungarn spielt, bey beyden Parteyen, und das ganz öf-
fentlich. die opposition bereitet jetzt eine förmliche einwanderung unga-
rischer cortes edelleute in croatien durch Ankauf geringer grundstücke
[vor], um die illyrische Partey zu überstimmen. Andererseits neigt sich die
regierung, jetzt da der schrecken vor dem landtage vorüber ist, wird zu
den illyriern.
es regnet Beförderungen, gnaden und orden auf die royalistischen un-
garn, carl esterhazy und louis karoly sind geheime räthe geworden etc.
Aber dabey bleibt es für jetzt, denn erzherzog ludwig, dieser typus der
dummheit, kann sich zu nichts entscheidendem entschließen. die her-
absetzung der capitulation auf 8 Jahre, die endlich erschienen ist und so
vielen lärm macht, lag 3 Jahre auf seinem tische, obwohl Alle, selbst die
scheiterten am Widerstand der Polizei-Hofstelle, Gross-Hoffinger verkaufte darauf seine
Zeitungskonzession. Vgl. Gertraud Tampier-Metzker, Anton Johann Gross-Hoffinger. Le-
ben und Werk eines Publizisten des Vormärz; in: MIÖG 75 (1967) 403–430.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien