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Tagebücher510
grahn’s am königlichen theater zu london, wo sie jetzt tanzt, angestrichen
war, wer wohl sich unseres verhältnisses, welches übrigens die fabel der
ganzen stadt war, erinnert haben mag?
übrigens hatte dieses theaterleben, auf welches wir in mailand ange-
wiesen waren, seinen unläugbaren reiz, und ich regrettire es oft, besonders
hier, wo die monotonie des lebens und des umganges gar so grell ist, und
man die leute wie in staatsgefängnissen füglich bloß mit nummern be-
zeichnen könnte.
lucile schreibt mir zuweilen, sie war vor ein Paar monathen entschlos-
sen, dem theater lebewohl zu sagen und mit larochefoucauld nach Afrika
zu gehen, und nun tanzt sie in london, ich wußte das und sagte es ihr
voraus. das kunst- und theaterleben ist dasjenige, dessen man sich am
schwersten entwöhnt, ich vergesse nie, was mir marie taglioni einstens
darüber sagte.
Am 1. oder 2. dieses monats fängt hier die italienische oper an, und
fanny elssler wird 10–12 vorstellungen geben, ich bin neugierig, ob sie mir
jetzt, da ich unbefangenen gemüthes bin, besser gefallen wird?
ich habe jetzt eben einen Band gedichte gelesen, die wirklich außeror-
dentlich schön sind: gedichte eines oesterreichers leipzig 45. der dich-
ter nennt sich Albert knoll aus teschen und in klosterneuburg wohnhaft,1
zum theile politischen inhalts, in dem sinne heine’s und freiligrath’s, nur
milder und wehmüthiger und weniger aggressiv, aber überall eine Wärme
und schönheit des Ausdrucks, eine sanfte poetische schwermuth, welche
wirklich zauberisch ist. nein, die Poesie ist in deutschland nicht erstorben,
und am glänzendsten nährt sie sich bey uns, ist es trauer oder Ahnung,
oder Beydes zugleich?
[Wien] 8. April
in der schweiz ist der tanz losgegangen, die freyschaaren haben lucern
angegriffen und sind mit blutigen köpfen heimgesendet worden. obwohl
nun dieser vorgang wichtiger und gewaltsamer zu seyn scheint als alle bis-
her seit 1830 in der schweiz stattgehabten ereignisse, so kömmt doch mir,
der ich diese schweizerischen tempêtes dans un verre d’eau in der nähe
gesehen habe, die Bestürzung sehr lächerlich vor, welche hier bey der ge-
ringsten ruhestörung von daher unsere weisen staatsmänner erfaßt.
Wichtiger ist die einverleibung von texas in die vereinigten staaten,
was wird sie für den colonisationsverein unserer deutschen Adeligen in
texas für folgen haben?2
1 Albert knoll, gedichte eines oesterreichers (leipzig 1845).
2 texas, das einseitig seine unabhängigkeit von mexiko erklärt hatte, wurde am 1.3.1845
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien