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Tagebücher520
ich bin aber entsetzlich unproductiv geworden, schon lange habe ich den
Artikel über thiers geschichte etc. und noch manches Andere im kopfe und
kann doch nicht damit fertig werden. ich schreibe das meiner unbequemen
Wohnung, die ich noch dazu beständig wechseln muß (seit gestern und jetzt
bis michaelis wohne ich bey meiner alten freundin rosalie tatchitz in der
Wollzeile) und freue mich schon auf meine stabile Wohnung im lichten-
steinschen hause, die ich zu micheli beziehen werde. denn ich brauche vor
Allem ruhe, um arbeiten zu können.
das tagesgespräch war eben jetzt die entweichung unseres guten freun-
des und meines theaternachbarn st. John, welcher bey nacht und nebel
mit hinterlassung bedeutender und mitunter sehr schmutziger schulden
davongegangen ist. er war ein weltbekannter Aventurier, der aber als
sportsman hier die allerbeste Aufnahme fand, nun kratzen sich die leute
hinter die ohren.
Auch mein freund fidel Palffy soll einem Banqueroute nahe gewesen
seyn oder noch seyn, seine Frau ist nach Ungarn und hat 160.000 fl Schul-
den hinterlassen, unordnung und hohes spiel soll die ursache seyn. der
arme fidel hat doch nichts als unglück.
sonst gibt es nichts neues als einige garnisonsexcesse, an welchen zum
theile die Pedanterie des neuen commandirenden erzherzog Albrecht, der
ein ganz ordinärer kamaschenknopf seyn soll, schuld trägt. er scheint die
Spaltung zwischen Civile und Militär geflissentlich vermehren zu wollen.
toni coronini besuchte mich neulich, auch Bakesch aus mailand ist hier,
und gustav chorinsky, den ich seit 1829 nicht mehr sah, ist kürzlich nach
salzburg zurück. carlo Poniatowsky ist von florenz auf der durchreise
nach Polen hier.
erzherzog friedrich hat neulich seine gelübde als maltheser feyerlich
abgelegt zum großen verdrusse der andern ritter, welchen er trotz Aller
versicherungen dennoch nächstens eine der besten commenderieen weg-
schnappen wird. es war ganz allein sein eigener Wille, weder sein vater
noch die übrigen erzherzoge hatten theil daran, ja sie mißbilligten es so-
gar größtentheils, wie z.B. erzherzog stephan mir selbst sagte. es scheint
wirklich, daß das törichte verhältniß mit resi thurn ihn dazu bewog, übri-
gens ist von einem romanhelden nicht ein fünkchen in ihm.
[Wien] 14. Juni
sehr viel zu reden gibt eben jetzt die Ausweisung itzstein’s und hecker’s
von Berlin.1 die preußische regierung scheint darüber wirklich in verle-
1 die beiden liberalen mitglieder der badischen zweiten kammer Johann v. itzstein und
friedrich hecker wurden wähend einer norddeutschlandreise aus Preußen ausgewiesen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien