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Tagebücher524
schläge gibt. übrigens habe diese neue Bewegung sehr viel gutes und er-
freuliches an sich.1
Alles das lasse ich mir aber gerne gefallen, dem Anfange zu liebe, also
hat das Buch doch folgen gehabt! Wenn es wahr ist, und ich glaube es, so
ist es ja Alles, was ich wollte, und es ist lohnend sich bewußt zu seyn, etwas
gethan zu haben, was folgen hat (gute noch dazu, wie hier jedenfalls), und
das könnten bey uns nur sehr Wenige sagen.
[Wien] 8. Juli
die hitze, welche wir nun seit 6–8 tagen haben, ist furchtbar, neulich wa-
ren es 29 grade im schatten.
die idee nach Baden zu ziehen habe ich aufgegeben, als ich kein pas-
sendes Quartier außerhalb der stadt fand, und inmitten des gewühles zu
wohnen, wäre mir unausstehlich gewesen. ich suche jetzt eine landwoh-
nung in der unmittelbaren nähe der stadt, z.B. in hitzing, Penzing etc. zu
bekommen.
Neulich machte ich mit Leni Wollner eine charmante partie fine von 2
tagen nach gloggnitz und reichenau, natürlich im tiefsten incognito, sie
ist eine außerordentlich liebenswürdige Person, welche selbst in die aller-
größte intimität so viel reiz und feinheit zu bringen weiß, daß man ihrer
nicht satt werden kann.
vorgestern sonntag war großes sängerfest in der Brühl. die hiesige lie-
dertafel, dazu ein feuerwerk, und was besonders schön war, der Weg vom
Platze des festes bis zu den zwey raben2 mit bengalischem feuer erleuch-
tet. es war halb Wien und umgebungen da, massen von Wägen aller Art
und ununterbrochene eisenbahnzüge bis 12 uhr nachts, mit diesem letz-
ten kehrte ich zurück.
1 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 4 (1845) i. semester, ii. Bd., 579f.
Aus Prag: des Pudels kern. Anders als in Preußen, wo durch die schwache stellung des
Adels eine Wiederbelebung der ständischen institutionen keine gefahr für die „entwicke-
lung eines freien Bürgerthums“ bedeute, sei die situation in österreich, wo diese gefahr
sehr wohl bestünde, da der Adel „noch im Besitze aller seiner Privilegien und macht, wie
in alten Jahrhunderten“ sei. die folgen von Andrians Buch würden sich nun zeigen. „der
liberale, reformatorische Zuckeraufguß, mit welchem jenes Buch seine mandeln zu ver-
süßen wußte, hat die deutsche Presse verführt; sie hat des Pudels Kern nicht erkannt,
die aristokratischen reactionsprincipien die darin gepredigt wurden, übersehen. Aber die
Auserwählten, die Aristokratie haben das stichwort darin wohl verstanden, und nun sehen
wir in niederösterreich und Böhmen eine größere Adelsbewegung, als seit fünfzig Jahren
stattgefunden. […] Mehr als je sieht der Adel jetzt wieder seinen Weizen blühen; mehr als
je setzt er sich in den Besitz der politischen Posten.“ der Artikel ist zum teil gedruckt in
rietra, Wirkungsgeschichte, 139–141.
2 der gasthof „Zu den zwei raben“ in der vorderbrühl.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien