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52519.
Juli 1845
neulich erhielt ich einen Brief von lucile grahn aus london, wo sie sich
sehr zu gefallen scheint.
der französische chargé d’Affaires, Perier, mit welchem ich sehr gut
war, ist vor 8 tagen plötzlich närrisch geworden. seine krankheit ist eine
Art von Wuth, dabey hat er aber lichte Augenblicke, in denen er den ganzen
umfang seines unglückes erkennt und darüber spricht. ich hatte ihn noch
2 tage vor diesem ereignisse gesprochen, und mich frappirte diese nach-
richt sehr.
unter s. veit bey Wien 19. Juli
hier sitze ich seit einigen tagen, ich habe an der hütteldorferseite, ein
paar häuser von der Wohnung entfernt, wo Anno 37 meine arme Alber-
tine1 lag und starb, ein recht hübsches rez-de chaussée gemiethet, wo ich
den sommer zuzubringen gedenke. übrigens habe ich meinen landséjour
schlecht begonnen, denn seit den 4 tagen, als ich hier bin, habe ich noch
keinen sonnenblick und kaum eine halbe stunde ohne regen erlebt. es war
ein schandwetter, so daß ich kaum vors haus konnte. doch habe ich schön-
brunn und hitzing sowie Penzing, wo ich gestern die arme Justine [erdödy]
auf ihrem schmerzenlager besuchte, ganz in der nähe, und in s. veit selbst
die fünfkirchen. dazu fahre ich ohnehin sehr oft in die stadt, ins Bureau,
besonders da ich so eben abermals in ein anderes departement, das kanz-
ley- und Adelsdepartement des hofraths nadherny übersetzt worden bin,
ganz ohne meinen Willen.
die arme Jetty neipperg hat eine fausse couche gemacht. gabrielle ist
in franzensbad. die erzherzogin hildegarde hat eine tochter geboren, die
[maria] therese heißt und vorgestern getauft wurde. resi stadion hat ge-
stern geheirathet. das sind die neuigkeiten. mit l. Wollner geht es son
train, wiewohl durch meinen landaufenthalt sowie durch ihren umzug in
ihre neue Wohnung etwas weniger lebhaft als Anfangs. dazu ist sie jetzt in
mariazell, neulich gab ich ihr zu ihrem namenstage einen silbernen thee-
kessel, der sie sehr zu freuen schien. sie will dieser tage zu mir auf ein
gouter heraus kommen.
neulich hatte ich eine Audienz bey marie louise und speiste am sel-
ben tage in hetzendorf bey flore, dann fuhr ich mit ihr und Alexandrine
Amade über mauer, wo wir die troyers besuchten, auf die himreichswiese
und von dort über kalchsburg und rodaun zurück, worauf ich sie noch in
die stadt begleitete, um die neue gasbeleuchtung zu sehen, und dann zu
dehne,2 wo sie mir aber der hitze wegen bald durchgingen.
1 Andrians verstorbene schwester.
2 die konditorei dehne, seit 1857 (verkauf) demel am kohlmarkt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien