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Tagebücher534
stunden hin und 38 stunden herfuhr und 13 stunden ohne aussteigen zu
dürfen in colin stillhielt, weil man auf den entgegenkommenden train war-
tete, man hat die sache übereilt (wieder ad vocem das besonnen fortschrei-
tende oesterreich, welches wenig lärmen macht, dafür aber desto mehr
thut) und beging den fehler zu glauben, daß ein einziges schienengeleise
hinreichen werde.1
neulich war ich in der Brühl, um ledochowski, welcher rasch zu ende
geht, und f. kolowrat und dessen mätresse zu besuchen. Auf dem rück-
wege versäumte ich den train, mußte eine stunde in Brunn warten und
konnte dann nicht in hetzendorf, sondern erst in meidling aussteigen, wo
ich zu fuße 1 1/2 stunden weit hätte nach hause wandern können, wenn
nicht zum glücke rudi Wrbna mich aufgenommen hätte. eisenbahnfata.
es ist jetzt alle donnerstag theater in schönbrunn, das nächstemahl will
ich gehen. die kaiserinn mutter geht übermorgen nach kremsier, um der
eröffnung eines hauses von sœurs grises beyzuwohnen, louise geht mit.
Am selben tage geht erzherzog franz carl nach mähren, um dasselbe
gründlich (5 Wochen!) zu bereisen. seine söhne sind in tyrol und dem vene-
zianischen auf reisen.
ich muß jetzt häufiger als sonst in die stadt, weil hofrath nadherny vom
urlaube zurück ist, nebstdem war spannocchi diese tage krank.
neulich in Baden traf ich im Parke frau v. Zwölf, und nach 14 Jahren
erkannten wir uns sogleich, sie sieht unglaublich genug ganz so hübsch und
kokett aus wie damals.
hier in meinem hause wohnt jetzt eine familie narischkin, 4 schwestern
und ein Bruder, deren Bekanntschaft ich neulich bey friesenhof machte, sie
sind hier um zu heirathen, und 2 der schwestern sind sehr hübsch.
so alt ich in mancher hinsicht geworden bin, so amusiren mich doch ge-
wisse dinge gerade so wie sonst, und dazu gehören die sogenannten stu-
dentenliebschaften, ich habe jetzt so etwas sur les bras mit einem superben
jungen sehr tugendhaften mädchen, die tochter eines Beamten, elise hra-
chowitz mit nahmen. ich begegnete ihr vor mehreren Wochen auf der gasse,
als sie eben das nasenbluten bekam, und wollte ihr helfen, so machten wir
Bekanntschaft, und seitdem haben wir von Zeit zu Zeit sehr ehrbare rendez-
vous im Belvedere, schwarzenberggarten etc. sie ist so schön, daß man ihr
zu liebe wohl mit 30 Jahren wieder den studenten spielen kann.
1 Am 20.8.1845 war die strecke olmütz-Prag der nördlichen staatsbahn feierlich eröffnet
worden, der regelmäßige Personenverkehr auf der nunmehr vollendeten strecke Wien-
Prag wurde am 1. september aufgenommen. Jedoch konnte die ursprünglich projektierte
fahrzeit von 16,5 stunden bei weitem nicht eingehalten werden, worauf bereits kurz dar-
auf die verbindung von den geplanten zwei auf ein Zugspaar täglich reduziert wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien