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Tagebücher540
zubrachten. dann war große tafel, der kreishauptmann von ried sammt
seiner kuriosen gattinn, Beamte ohne Zahl etc. nach tische fuhren wir nach
hause.
ich hatte mir auf dieser fahrt oder sonst wo eine leichte halsentzündung
geholt, wie ich sie in mailand mehrmals hatte, und die mich durch einen
guten theil der folgenden Woche, welche übrigens meist trüb und regnerisch
war, zu hause hielt. ich benützte diese Zeit dazu, um das manuscript mei-
nes Aufsatzes über thiers an dr. kolb nach Augsburg zu schicken, indem ich
ihn bath, daraus nach Belieben Bruchstücke in die Beylage der Allgemeinen
Zeitung einzurücken, jedoch erst dann, wenn die Brochure, als welche ich
den ganz Aufsatz erscheinen zu lassen beabsichtige, fertig geworden wäre.
eine Antwort auf diesen Brief habe ich noch nicht erhalten.
übrigens war dieses stille leben in neuhaus recht angenehm und ge-
müthlich und wäre es noch weit mehr gewesen, wenn nicht als sehr unwill-
kommene gäste ein gerichtshalter dr. rössling von engelburg sammt gat-
tinn zu uns gekommen wäre. dieser wollte nähmlich auf einige tage nach
münchen gehen, und eduard, welcher mit einem grafen taufkirchen um
engelburg in handel steht und daher wichtige gründe hat, den gerichtshal-
ter zu cajoliren, hatte ihm angetragen, seine frau einstweilen in neuhaus zu
lassen ohne zu glauben, daß dieses gerade in diesem Augenblicke geschehen
würde. Aber dieser Besuch hätte bald ein tragisches ende genommen. die
ersten tage ging Alles recht gut. die gerichtshalterin, eine junge, ziemlich
hübsche fränkinn, hatte unser Aller, ja sogar meinen Beyfall, als sich aber
die rückkehr ihres mannes ohne Brief noch nachricht verspätete, als der
samstag und sonntag verstrich ohne den rössling zu bringen, und wir da-
her unsere Pläne, in der nachbarschaft einige Besuche zu machen, haupt-
sächlich aber ungestört unter uns zu bleiben, zu Wasser werden sahen, da
wurden wir Alle schwürig. eduard hielt seine ritterliche gastfreundschaft,
lenchen ihre herzensgüte zurück, ich aber wurde immer vornehmer und
gröber gegen die frau, deren unbefangenes Benehmen meinen aristocrati-
schen stolz beleidigte, so wie mir auch ihre spießbürgerlichkeit nach und
nach zuwider geworden war. endlich, es war die höchste Zeit, kam rössling
montag früh, aß noch bey uns, und nach tische fuhren Beyde weg, und wir,
d.h. eduard, lenchen, und ich, wieder nach s. martin. diesesmahl war es
etwas stiller, wo nicht langweilig, ein theil der Besucher war fort, und Anna
Arco litt an Zahnschmerzen. übrigens blieben wir nur über nacht und fuh-
ren tags darauf nach dem frühstück wieder nach hause. Besuche hatten
wir in der Zeit, die ich in neuhaus zubrachte, nicht mit Ausnahme von cle-
mens Joner, welcher ein paar mahle von tettenweis herüber kam, und den
wir auch in Passau jedes mahl um uns hatten, und seine schwester Antoi-
nette, die ihn einmahl begleitete.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien