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November 1845
Auch meine flamme von diesem sommer, die schöne elise h[rachowitz],
stehe ich im Begriffe, als kammermädchen bey der erzherzogin marianne
unterzubringen, ein prosaisches ende.
der arme tettenborn nähert sich rasch seiner Auflösung, und ich habe ihn
wohl vor meiner Abreise nach neuhaus zum letzten mahle gesehen, wieder
eine erinnerung der großen vergangenheit weniger, und es bleiben uns bloß
die ledernen Pygmäen unseres papierenen Zeitalters!
ich lese jetzt hormayer’s geschichte Andreas hofer’s mit großem
interesse,1 wiewohl ich weiß, daß man hormayers erzählungen nur cum
grano salis aufnehmen darf! Wie ich damit fertig bin, mache ich mich über
den 5. theil von thiers.
ich glaube, die epoche der Publicität, des allgemeinen politischen inter-
esses ist für uns so gut gekommen wie anderswo, und ich traue mir die kraft
zu, mir diese stimmung zu nutzen zu machen. mein ehrgeiz geht dahin, mir
aus mir selbst eine bedeutende stellung zu verschaffen, nämlich eine stel-
lung, wie sie die macht der intelligenz und der öffentlichen meinung geben
kann, und nicht eines andern menschen gnade. denn allein kann ich als
gleich und gleich Allen Andern gegenüber treten, unausweichlich und in-
amovible. ich glaube jetzt an der schwelle dieser macht zu stehen, ob sie sich
mir öffnen wird, oder ob ich durch einen sturm hinabgeschleudert werde?
das wird sich zeigen, aber ich kenne jetzt meinen Weg, und habe die hand
an der thürklinke. das war bisher nicht der fall, ich suchte noch immer,
wo mein Weg liege und durch welche thüre ich zu der erfüllung gelangen
dürfte? diese ist nunmehr gefunden.
es soll in diesen tagen ein Patent erscheinen, wodurch die verzehrungs-
steuer sehr herabgesetzt, dagegen aber eine kopf- und fenstersteuer, eine
steuer auf hunde und luxuspferde eingeführt werden soll. doch waltet dar-
über noch ein großes geheimniß. Auch soll das sperren der hausthore (in
der stadt bisher um 10, in den vorstädten um 9) um eine stunde hinausge-
schoben werden, worüber die hausmeister und die sittsamen ein Zeterge-
schrey erheben.
neuigkeiten: im Josephstädtertheater gefallen sehr döblers nebelbilder
(dissolving views),2 auf der Wieden Alessandro stradella, oper von flotow,
und ein lustspiel: sie ist verheirathet. hélène Würtemberg heirathet ei-
nen sardinischen Attachè comte du Bourget und zieht mit ihm als schä-
1 Joseph v. hormayr (nicht hormayer), geschichte Andreas hofer’s, sandwirths aus Pas-
seyr, oberanführers der tyroler im kriege von 1809. durchgehends aus originalquellen …
2. durchaus umgearbeitete und sehr vermehrte Auflage (Leipzig 1845).
2 der Wiener Zauberkünstler leopold ludwig döbler hatte 1842 in london die Apparate zur
Projektion von nebelbildern (dissolving views), einer besonderen form der laterna magica,
erworben und machte sie im deutschsprachigen raum bekannt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien