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Tagebücher546
ferinn in die Alpen!! der erbprinz von lucca geht dieser tage mit seiner
gattinn nach italien und nimmt mir einen Brief an ida Bombelles mit. man
spricht viel darüber, ob erzherzog stephan die großfürstinn olga dennoch
heirathen wird oder nicht, denn es scheint, daß kaiser nicolaus trotz der
ausweichenden Antwort, die er vor 2 Jahren erhielt, seine Anträge erneuert
hat und sich sogar erbothen haben soll, seine tochter zur katholischen re-
ligion übertreten zu lassen. diese verbindung wäre höchst unpopulär und
bey der wahrscheinlichen Bestimmung des erzherzog stephan zum Palati-
nus von ungarn und dem dort spukenden illyrismus und gräcismus auch
gefährlich, besonders da olga von einem sehr intriganten charakter seyn
soll. fml schlick erzählte mir neulich, daß er vor kurzem mit dem erzher-
zog und meiner schwester gabrielle in rzepin bey Benjamin rohan gewesen
sey, und daß sich die herren Alle hinter gabrielle steckten, um zu erfahren,
wie der erzherzog darüber denke. dieser aber antwortete ihr ganz in seinem
genre: ich werde nicht Bariatynskis gewesene geliebte heirathen.
kunigunde schell heirathet den jungen dalberg, eine superbe Parthie.
montenovo besuche ich zuweilen, es geht ihm entschieden besser. desto üb-
ler geht es der armen natalie Palffy, und ihr mann quält die arme frau noch
auf alle mögliche Art, setzt sich zu ihrem Bette und frägt, ob dieser cadaver
noch lange sein haus verpesten werde, wollte neulich ihre schwester und
einzige Pflegerin camilla hoyos mit gewalt aus dem hause schaffen etc.
[Wien] 9. dezember
vor zwey stunden, um 1/2 8 uhr diesen morgen, ist tettenborn hinüber ge-
gangen – post tot discrimina rerum, ein glänzendes, volles reiches leben ist
beendet, er ist zu beneiden, zu bedauern aber sind die, welche nach einem
60jährigen vegetiren ohne eine erinnerung aus dem leben scheiden.
erschütternd ist in solchen momenten nur der gedanke an unsere ver-
gänglichkeit, der mann voll kraft, voll lebensmuth und lebenslust, der eine
halbe Welt bewegt und mit tausend entwürfen schwanger geht, braucht 6
fuß erde, und dann ist Alles vorbey! Wie lange wird es dauern, und auch
mein leben, meinen kampf mit der Außenwelt, meine tausend und tausend
ideen, entwürfe und hoffnungen wird der tod durchschneiden!! – – möge
mir in meinem letzten Augenblicke das leben soviele erinnerungen biethen
als das, welches heute schloß!
Persönlich verliere ich sehr viel an tettenborn, und hier, wo die interes-
santen menschen so selten sind, fühle ich es doppelt, weil der Anblick eines
solchen mannes einen kräftiget und erfrischt. schade, daß er an mir nur
Blüthen und kaum früchte gekannt hat!
für mich knüpft sich sein tod an eine sehr merkwürdige erscheinung.
heute früh, ganz kurz vor dem erwachen, träumte mir, der sonst selten
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien