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Tagebücher550
interessant zu seyn scheint, und in diesem falle sie besprechen. endlich
gehe ich mit einem größeren Artikel über die preußischen reformen 1807–13
schwanger, welcher so geschrieben werden soll, daß man hindeutungen auf
das, was uns jetzt noth thut, zwischen den Zeilen lesen könne. vielleicht
übersetze ich auch hie und da Bruchstücke aus fourier. kurz, ich bereite
mich zu voller thätigkeit, und es wäre mir daher sehr ungelegen, wenn ich
durch eine ortsveränderung, und wäre es auch ein Avancement, aus ihr her-
ausgerissen würde. gebt mir ein paar Jahre Zeit, et Acheronte movebo.
in ungarn geht es immer toller, und die Aktien der regierung, Appony’s
und konsorten fallen immer mehr. das Pesther komitat hat eine deputation
von ultraradicalen: louis und casimir Batthyany, samuel und lazzi teleki,
kossuth, raday, etc. hiehergeschickt, um gegen die (neuerlich illyrisch ge-
wordene und durch haller’s Absetzung bethätigte) Politik der regierung in
croatien und namentlich bey der turopolya sache zu protestiren.1 diese wird
nun nirgends, selbst vom kanzler nicht, vorgelassen, und das ist ihnen ge-
rade recht, denn da gibt es wieder neuen lärmen. eine gleiche deputation
schickt das Pressburger comitat: fürst Palfy, mischka esterhazy etc. fritz
schwarzenberg aber, der auch dabey seyn sollte, hat sich hier endoctriniren
lassen und will ihnen einen sentimental-royalistischen Absagebrief schreiben
und sich so auf ewig den hals brechen. mittlerweilen aber fallen selbst die
conservativen (sogar lazzi festetics!!) von der regierung ab, weil sie sich mit
recht vor der beginnenden Bureaucratie der Administratoren fürchten,2 und
frägt mich Jemand, so sage ich: hütet euch vor den kreishauptleuten!
die arme louise Praschma ist am 16. mit ihrer mutter nach venedig ab-
gereist. nun ich den eigentlichen, moralischen grund ihres dahinwelkens
in dieser letzten Zeit kenne, habe ich die beste hoffnung für sie, denn der
grund ist behoben, ich mußte sie noch in den letzten stunden hinsichtlich
ihrer Briefe an t[ettenborn] beruhigen und deßhalb ihre Aufträge überneh-
men, die ich erfüllen werde, sobald die Wittwe sichtbar wird.
ich habe heute ein sehr interessantes modell einer atmosphärischen ei-
senbahn gesehen, welches hier gezeigt wird.3
gräfinn esterhazyroisin ist in diesen tagen zu nizza gestorben.
ich habe mich in diesen tagen mit mühe und nur dem Autor zu liebe
durch malfatti’s Werk: studien über Anarchie und hierarchie des Wis-
1 vgl. dazu eintrag v. 10.9.1845.
2 in einem versuch zur konsolidierung der königlichen macht in den ungarischen komitaten
wurden seit 1844 den obergespanen staatliche Administratoren mit weitgehenden Befug-
nissen zur seite gestellt.
3 Bei den – lediglich zwischen 1844 und 1848 in vier kurzen versuchsbahnen in england
und frankreich zur Ausführung gekommenen – atmosphärischen eisenbahnen wurden die
Züge über ein im gleiskörper verlegtes unterdruckrohr angetrieben.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien