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Tagebücher554
konnte, und mir gefiel die schöne kräftige, ernste imposante gestalt außer-
ordentlich every inch an emperor. Beym diner, dann Abends im Burgtheater
und endlich nachher bey der soirée bey der kaiserinn, wo gegen 80 Personen
geladen waren, soll er äußerst wortkarg, verstimmt und unfreundlich gewesen
seyn, beynahe mit niemand gesprochen haben, so z.B. beym diner mit keinem
menschen als mit ficquelmont, von der soirée empfahl er sich schon nach ei-
ner halben stunde, seine suite ließ sich niemanden, selbst keiner dame unse-
res hofstaates vorstellen, so daß sie in der loge nebeneinander saßen ohne ein
Wort zu sprechen. kurz Alles war so gespannt und unfreundlich wie möglich,
auch das Beklatschen im theater soll so kalt wie möglich gewesen seyn.
Am neujahrstage war zuerst fürst metternich von 10 bis gegen 1 uhr bey
ihm, dann machte er der fürstinn carl lichtenstein einen Besuch und emp-
fing dann die offiziere seines regiments. um 1/2 4 war familientafel bey
hofe, worauf er noch der kaiserinn mutter einen Besuch machte und sich
dann empfahl. er ertheilte dann noch mehrere Audienzen bis 10 uhr Abends
zu hause und ging nicht mehr aus. heute morgen um 1/2 9 fuhr er, nachdem
noch die erzherzoge bey ihm gewesen waren, per eisenbahn ab und nach
olmütz, übermorgen will er in Warschau seyn.
im ganzen war der eindruck, den er zurückließ, kein günstiger, und die
entente cordiale dürfte durch diesen Besuch nicht befestigt worden seyn,
sein übler humor war sichtbar, im Publicum war Anfangs große neugierde,
die aber sehr bald nachließ, und die stimmung schien von Anfang an keine
günstige. die Wiener haben mehr takt gezeigt, als ich ihnen zutraute.
ob aber der grund seiner üblen laune in dem fehlgeschlagenen heiraths-
plane lag, ist die frage. die kouriere sollen sehr üble nachrichten, unter
andern die von einer empörung in finnland, gebracht haben. das wäre also
grund genug. übrigens geschahen an unserm hofe wieder bévues und eti-
kettenfehler nach möglichkeit. nichts ging zusammen. graf goës und mo-
ritz dietrichstein machten eine dummheit über die andere.
dagegen hat der kaiser einen regen von orden ergehen lassen: sämmt-
liche generäle und stabsoffiziere, die bey der Parade ausrückten, wurden
betheilt.
[Wien] 13. Jänner
es ist ein beyspielloser Winter, wir haben bis jetzt noch keinen schnee und
mit Ausnahme von 4–5 tagen der vergangenen Woche auch fast keine kälte
gehabt. dazu immer der herrlichste sonnenschein. ich fürchte, wir werden
diesen schönen Winter durch ein elendes frühjahr bezahlen müssen.
vom czar circuliren noch eine menge geschichten, er soll sehr ungehalten
gewesen seyn, daß weder der Palatinus, noch erzherzog stephan ihn hier
erwartet hatten. fürst metternich soll sehr unpassenderweise das gespräch
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien