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56113.
Februar 1846
[Wien] 6. februar
nach einem kurzen schneewetter haben wir nun regengüsse wie im som-
mer, ein sonderbarer Winter.
gabrielle kömmt zur erzherzogin hildegarde als Aushülfe für sophie thun,
welche ihrer gesundheit wegen auf einige monathe urlaub nimmt, wahr-
scheinlich wird sie auch nach ihrer rückkehr bey der erzherzogin bleiben, da
diese ohnehin mit einer einzigen hofdame auf die dauer nicht auskommen
kann. sie wird ihre neue stellung in circa 14 tagen antreten und gedenkt bis
dahin noch einen Ausflug nach leutomischl zu machen, wo die Waldsteins seit
einigen tagen sich befinden und sich dort unglücklicher fühlen als zuvor.
neulich war ich auf einem kinderballe bey marie Badenfeld, ein langwei-
liger spaß, welcher aber mir neu war. Am selben Abende ließ ich mich noch
einmal, wahrscheinlich zum letzten mahle, in das grundlangweilige odeon
verlocken. Am 2. war Ball bey clary, am 3. Picknick im redoutensaale, vor-
gestern musikvereinball und großer Ball im sophienbadsaale, auf welchem
letztern ich ziemlich lange blieb.
mein uralter freund Procop lazanzky ist Bräutigam, die glückliche ist
sidi hoyos.
Philipp stadion ist nach modena geschickt worden aus Anlaß des todes
des herzogs.
Peel ist endlich hervorgetreten mit seinem Antrage wegen der kornzölle,
soviel man bis jetzt davon sagen kann, scheint es wieder eine halbe maßregel
zu seyn. sonst ist in der politischen Welt nichts neues als der sieg der eng-
länder über die sikhs im Punjaab.
neulich sah ich gozze nach ich glaube 10 Jahren wieder, er ist älter und
kahlköpfig geworden, aber nicht ruhiger, im gegentheile, er kömmt mir leb-
hafter vor als je, dabey aber einer der geistvollsten menschen, die ich kenne,
er kömmt von neapel und soll eine andere Bestimmung erhalten.
[Wien] 13. februar
ich habe in dieser letzten Zeit nicht viel gescheidtes gethan, eines theiles
üben die Zerstreuungen des faschings mit ihren hunderttausend niaiseries
doch immer einen lähmenden einfluß auf den geist, und dann gehen mir
die campe’schen geschichten, obwohl diese nun wenigstens vor der hand
abgethan sind, doch noch immer im kopfe herum.1 übrigens bin ich solchen
hauts et bas immer unterworfen gewesen.
1 ein schreiben an den hamburger verleger Julius campe vom 9.2.1846 kam verspätet an.
Andrian befürchtete, dass der Brief von der Zensur abgefangen wurde und dadurch seine
entdeckung als Autor von österreich und dessen Zukunft möglich wäre. gleichzeitig ver-
mutete er, dass campe ihn als Autor in verdacht habe, was ihm dieser in einem gespräch
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien