Page - 563 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 563 -
Text of the Page - 563 -
56325.
Februar 1846
vielen leute es ganz aufgeben mußte in den saal zu gelangen, sondern nach
hause fuhr.
übrigens ist es mir ganz recht, daß es nun mit dem allen aus ist. die hie-
sige gesellschaft hat dieß Jahr ebensowenig reiz für mich wie im vergange-
nen, wiewohl ich mich heuer in derselben heimischer fühle, sie ist aber auch
ganz entsetzlich leer und kleinbürgerlich.
seit einigen tagen ist hier Alles en émoi, und man sieht viele verstörte
gesichter, in Polen sind dinge vorgegangen, die sehr ernsthaft werden kön-
nen, unsere truppen sind am 18. in krakau eingerückt und haben die stadt
in folge der Bewegungen der insurgenten wieder verlassen müssen, es war
nur 1 Bataillon und 1 1/2 escadrons, mehrere offiziere und Polizeykom-
missäre sind getödtet. die insurgenten sind in Biala und Bielitz (gallizien)
eingefallen1 und interceptiren die verbindungen mit Wien. die consuln der
schutzmächte sind aus krakau geflohen.2 in gallizien selbst haben mehrere
bedeutende Bewegungen stattgehabt. die erste am 19. bey tarnow, wo aber
die Bauern gegen die insurgenten, meist kleine edelleute, geistliche und
herrschaftliche Beamte, Partey ergriffen und ganze transporte von todten
und Blessirten nach tarnow einlieferten. seitdem aber scheint sich die Be-
wegung erweitert zu haben, und man nennt große nahmen: Zamoyski, sa-
pieha etc., die dabey betheiligt seyn sollen. es sind truppenverstärkungen
dahin abgesendet worden. Was aber noch weit bedenklicher ist, man spricht
heute von ähnlichen Bewegungen in Böhmen, und ein thun soll da vermißt
werden – – Panslavismus!!?? Bey solchen gelegenheiten sieht man wieder
die unfähigkeit unserer faiseurs recht deutlich. seit monathen kannte man
die Aufregung in Polen, seit 14 tagen kamen hier polnische familien an vor
der erwarteten revolution flüchtend, von hier aus entwichen 6 Bombardiers,
34 universitätsstudenten, 3 Zöglinge aus dem theresianum etc. nach Polen,
neulich reiste ein Pole von hier mit 16 – !! Bedienten nach hause, und nie-
mand that etwas! erzherzog ferdinand berichtete immerfort, es sey durch-
aus nichts zu fürchten. Wie werden diese leute am großen Prüfungstage
bestehen!
mein Artikel über das recht der Arbeit hat trotz mehrfacher veränderun-
gen und ermäßigungen die censur nicht passirt, wiewohl er doch wahrhaf-
tig nichts verfängliches enthielt. ich werde ihn nun der Allgemeinen Zeitung
einschicken. Aber ich gestehe es, die lust fängt mir an zu vergehen, im An-
1 Während Bielitz in Schlesien lag, war die Schwesterstadt Biała jenseits des gleichnamigen
flusses in galizien.
2 der unter kontrolle und schutz von österreich, russland und Preußen stehende freistaat
krakau bildete das Zentrum des Aufstands von 1846. nach der niederschlagung wurde der
freistaat am 16.11.1846 von österreich annektiert.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien