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März 1846
chenen (wohl auch stark übertriebenen) verfolgungsgeschichten der Basilia-
nernonnen in rußland1 in dieser letzten Zeit veranlassung gegeben haben.
ich war vorgestern ziemlich lange beym erzherzog Johann, ein herrlicher
mann, er sprach lange und sehr freymüthig von hormayer und seinen „Ane-
monen“ von 1809, von den jetzigen ultrakatholischen regungen in Bayern,
von den Jesuiten in tyrol etc. das wäre ein mann für uns.
gestern hatte ich wieder einmal einen großen musicalischen kunstgenuß:
die Puritani gesungen von Pischeck, staudigl und der marra. liszt ist hier,
ich habe ihn aber noch nicht gehört.
[Wien] 7. märz
die polnische komödie ist zu ende. krakau ist am 3. nachmittags von un-
sern und den russischen truppen besetzt worden, die insurgenten haben
sich theils uns, theils den Preußen ergeben. das neue Armeekorps und die
dafür ernannten generäle kamen zu spät. von der ganzen thörichten ge-
schichte bleibt also nichts übrig als ein unsägliches elend und ein auf lange
Jahre hinaus aufgewiegelter Bauernstand. man spricht von administrativen
maßregeln in dieser Beziehung, u.a. von der Abschaffung der robothen, von
der unmittelbaren einziehung der Patrimonialgerichtsbarkeit und politi-
schen Wirthschaftsaemter. in galizien haben wir jetzt ohne die kriegsge-
fangenen gegen 5000 kompromittirte in haft. Was mit ihnen anfangen? es
ist in dieser letzten Zeit von der regierung förmlich auf die edelleute Jagd
gemacht worden, so z.B. zahlte das tarnower kreisamt 5 fl cm per kopf
den Bauern aus, wieviele unschuldige befanden sich darunter. carl lichten-
stein, der gestern von krakau zurückkam, begegnete einem transport von
40 katholischen geistlichen, welche nach olmütz gebracht wurden.
Wir haben ein Wetter wie im may, daß man keinen überrock vertragen
kann, die Bäume grünen schon, und niemand erinnert sich eines so warmen
märzes.
morgen heirathet Auguste ihren cousin george horrocks. es sind jetzt
gerade zehn Jahre, daß wir Beyde in hellen flammen standen, und meine
gleichgültigkeit für dieses prosaische dénouement wundert mich weniger,
als daß sie zu diesem entschlusse kommen konnte. Aber es kömmt eine Zeit,
wo man froh ist, wenn man irgendwo unterkriechen kann, sagt das klärchen
in egmont oder eigentlich dessen mutter.2
1 der stärkste Widerstand gegen die 1839 verfügte „rückführung“ der unierten kirche in
den russischen Westgebieten, d.h. der Auflösung der Union mit Rom und der Eingliede-
rung in die russ.-orth. kirche, kam von den klöstern der Basilianerinnen und wurde mit
maßnahmen wie der Zwangsverwaltung der klöster und der internierung von nonnen in
orthodoxen klöstern bekämpft.
2 Johann Wolfgang v. goethe, egmont, 5. Aufzug, mutter an klärchen: die Jugend und die
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien