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Tagebücher568
ich lasse mich jetzt zu meiner größten langweile von lieder für flore
mahlen.
eine recht hübsche und bis nun interessante eroberung haben mir die
heurigen faschingsredouten doch gebracht, an welcher ich gegenwärtig
zehre, es ist eine junge frau von Bujanovics, welche ich nun sehr oft besu-
che.
[Wien] 14. märz
meinen Artikel über das recht zur Arbeit habe ich in der Allgemeinen Zei-
tung noch nicht gefunden. dieses Journalistengesindel möchte gerne Alles
unterdrücken, was über das gewöhnliche misérable politische tagsgewäsch
hinausgeht, von welchem es lebt, hätte ich eine dissertation über die eman-
cipation der Juden geschrieben, so stünde sie längst in der Zeitung.
Auch habe ich in diesen tagen einen längern Artikel für die „gegenwart“
geschrieben, von welchem ich neugierig bin, ob er die censur passiren wird.
ich habe darin unter dem vorwande der rezension eines im vorigen Jahre
in deutschland erschienenen Werkes eine darstellung der preußischen Zu-
stände in den Jahren 1806 und 1807 geliefert, welche aber so abgefaßt ist,
daß sie weit mehr auf unsere gegenwärtige lage paßt, und hierauf eine bün-
dige und kräftige schilderung der reformen entworfen, welche stein, har-
denberg und konsorten in den Jahren 1807–13 vornahmen, wieder mit man-
chen Beziehungen und verblümten seitenhieben. ich bin nun neugierig zu
sehen, ob sie bey der censur dieses so auffassen werden. municipalfreyheit,
intelligenz und Aristokratie habe ich für die grundpfeiler der monarchie er-
klärt, und die Bureaukratie für ihren ruin.
gestern aß ich bey miska esterhazy mit stefferl szechenyi. das ist eine
existenz nach meinem sinne
einst zu werden diesem gleich!
er lud mich ein, ihn in Pesth zu besuchen, und das will ich auch.
Aber, der muth ist mir entwichen, ich sehe kein feld vor mir, gegen die
gewalt der dummheit und die scheere der censur gibt es kein mittel, es
fehlt mir an einem organe. denn die Allgemeine Zeitung wird täglich knech-
tischer, und alle andern deutschen Blätter haben nur einen geringen leser-
kreis. und wegen hamburg noch immer nichts – – sollte Alles in unrechte
hände gekommen seyn? und was dann?1 Jetzt, mehr als je, wäre mir eine
schöne Liebe, alles hat sein Ende; und es kommt eine Zeit, wo man Gott dankt, wenn man
irgendwo unterkriechen kann.
1 vgl. dazu eintrag v. 13.2.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien