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Tagebücher570
von dort aus freyes spiel zu haben. Jedes mittel wäre mir recht, um mir eine
stellung in jenem lande zu verschaffen, sogar eine heirath! – –
[Wien] 29. märz
Wir haben fast fortwährend das schönste Wetter von der Welt. der frühling
und die vegetation sind jetzt schon weiter fortgeschritten als voriges Jahr
ende April.
in Polen ist nun wenigstens momentan Alles zu ende. doch glauben die
gutunterrichteten, daß der vulcan noch nicht ausgebrannt sey. das Armee-
korps hat cracau verlassen, und das hauptquartier ist jetzt in Wadowice,
doch soll es in diesen tagen aufgelöst werden und lato Wrbna sammt den
übrigen generalen zurückkommen. thassilo festetics, fritz und edmund
schwarzenberg etc. sind schon lange wieder hier. fritz schwarzenberg er-
zählt nach seiner Weise die interessantesten geschichten, se non sempre
vero, almeno ben trovato. fml castiglione ist gouverneur von krakau. die
untersuchungen gehen nun ihren gang, leider, wie es scheint, wieder nach
unserer gewohnten manier langsam und tracassirend, zahlreiche verhaf-
tungen (auch hier), endloses herumziehen im gefängnisse und dann nach
Jahren kein resultat. da haben es die russen besser gemacht, 3 sind schon
gehängt, 3–4 nach sibirien geschickt etc. ich würde die leute um ihren hals
loosen lassen, ein dutzend aufhängen und Alle übrigen nach hause schik-
ken.
übrigens kommen nach und nach ganz kuriose sachen auf: der hiesige
Provincial der kapuziner ist ganz in der stille weggebracht und wahrschein-
lich wo eingesperrt worden, der hiesige vorstand des redemtoristen soll sich
erhängt haben, sonderbar, daß man sogar in loco nichts gewisses darüber
erfahren kann. es werden jetzt sitzungen über sitzungen gehalten, und
unsere ohnehin sprichwörtlich hasenfüßigen machthaber sind noch klein-
müthiger als sonst, weil sie das böse Beyspiel des Bauernaufstandes und
nicht mit unrecht fürchten. die robothen in galizien (nur dort?) werden
abgeschafft werden, über das Wie? ist man aber noch nicht einig. es sind
dort allein jährlich 31 millionen robothtage, was wäre also für eine summe
nöthig, um sie zu reluiren! Auch die Patrimonialgerichte gehen ein, in den
aufrührerischen kreisen ist es bereits geschehen, in den andern wird es noch
folgen. übrigens wird hier jeden tag eine andere neuigkeit erlogen, man
sieht, daß die gemüther in Aufregung sind, neulich sprach man von unru-
hen in mailand, in italien etc.
ich bin gestern gefragt worden, ob ich als kreishauptmann nach galizien
gehen wolle? ich antwortete natürlich mit Ja, hoffe aber, daß es dabey blei-
ben werde, denn was ich jetzt vor Allem wünsche, ist hier zu bleiben, das
allein taugt in meinen kram.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien