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Tagebücher576
gestern hat edmund hartig geheirathet und ist nach Böhmen und von
da nach cassel abgereist. es ist schon ganz frühling und der Prater sehr
besucht.
in italien spukt es schon wieder, die polnischen und italienischen réfu-
giés sollen sich vereiniget haben.
Man spricht hier viel von einer Erfindung, die Carl Hügel und sein Ober-
gärtner gemacht haben, und welche in einer neuen heitzmethode besteht,
wodurch eine ungeheure holzersparniß möglich gemacht werden soll, er ist
deßhalb nach Paris und london gereist, um Privilegien dort auszuwirken,
hier soll er es bereits erhalten haben. nach und nach fangen aber einige
Zweifel laut zu werden an. der hiesige gewerbverein und der berühmte
Physiker Baumgartner haben sich, wie ich höre, ziemlich ungünstig aus-
gesprochen. Andere leute wieder, z.B. der unternehmer des sophienbads
Morawetz, behaupten, die Erfindung sey nicht neu etc.
meinen Artikel über das recht der Arbeit (minimum) habe ich heute
zurückerhalten. die redaktion der Allgemeinen Zeitung schickte ihn an
Welsch (ich hatte mich nicht genannt) mit der Bemerkung zurück, daß sie
ihn zur Aufnahme in ihr Blatt nicht für geeignet halte. und diese leute
vermeinen die Welt regieren zu können!!
mein ungarisches Zeitungsprojekt ist noch immer in suspenso, bey den
jetzigen revirements in der ungarischen und siebenbürgischen kanzley (Jo-
sika dringt immer mehr auf seine entlassung) ist da nichts zu machen,
sondern man muß die zunächstbevorstehenden ereignisse abwarten. dage-
gen spricht man jetzt auf einmahl von bevorstehenden erleichterungen der
Presse, ja die heutige Allgemeine Zeitung hat einen Artikel von Zedlitz in
diesem sinne.1 sehr möglich, daß sie es in diesen letzten Wochen eingese-
hen haben, daß dieses niederhalten des geistes zu nichts gutem führt. ich
aber glaube an nichts, besonders nicht in dieser richtung, ehe ich es nicht
schwarz auf Weiß vor mir sehe.
die hiesige ziemlich zahlreiche und mächtige Jesuitenparthey, welche
Anfangs über die theilnahme des klerus am polnischen Aufstande ganz
verblüfft war, hat sich nun ein ganz eigenes subterfugium ausgesonnen,
es seyen nämlich diese aufrührerischen Priester keine gutgesinnten, d.h.
ultramontanen, sondern solche gewesen, welche hier erzogen und von den
Josephinischen Lehren inficirt gewesen seyen. Bombelles setzte mir dieses
1 Allgemeine Zeitung v. 15.4.1846, 839: Wien. der ungezeichnete Artikel bringt zwei kurze
meldungen zur Presse. das Zensurkollegium habe seine Arbeit aufgenommen, wodurch die
schriftstellerpetition vom vorigen Jahr (vgl. dazu einträge v. 25.3. und 30.4.1845) erledigt
wird, und eine Anzahl von redakteuren habe sich beraten „über verbesserungen der ta-
gespresse in Wien, soweit dieß in ihrem vermögen liegt.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien