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Mai 1846
sen, daß ich ende Juny oder Anfangs July auf meiner reise nach helgoland
dahin kommen werde. ich hoffe, durch ihn einige nützliche Bekanntschaften
zu machen, vielleicht daß sich da eine Art von cameraderie, von commun-
auté littéraire gründen läßt. ohne die geht es einmahl nicht. hier, in loco
Wien, ist übrigens nichts zu machen, wenigstens vor der hand nicht.
die kunstausstellung ist eröffnet,1 besser als die vorjährige, aber doch
sehr mittelmäßig.
der arme constant Palffy ist gestorben, der vater war neulich hier, ein
Bild des Jammers. Auch carl Wenkheim sah ich neulich mit seiner schö-
nen frau. die Waldsteins sind vor einigen tagen fort, ich begleitete sie noch
mit neipperg zur eisenbahn, ein paar tage früher hatte ich noch mit ihnen,
fürstinn christiane [colloredo] (die nun auch fort ist), Julie Bellegarde, hol-
stein, neipperg etc. eine recht hübsche Parthie nach laxenburg gemacht,
überhaupt war ich in der letzten Zeit viel bey colloredo gewesen. die ge-
wöhnlichen gäste waren von damen Wilhelmine Auersperg, lori sternberg,
rosine czernin, gabrielle, caroline Waldstein etc., auch marie lobkowitz,
Julie Bellegarde etc.
Auch mathilde Berchtold ist neulich nach Presburg, wo sie den sommer
zubringen will, ich gedenke sie da zu besuchen. die frau ist jetzt schöner als
je, eine originelle erscheinung, diese unbefangene, reine gefühls- und sinn-
lichkeitsnatur.
neulich erschoß sich im Burgtheater während des stückes ein junger
mensch im Parterre, gerade als auf der Bühne ein schuß geschehen sollte.
leider war ich nicht dabey. doch kam ich kurz darauf und sah nichts mehr
als das Blut und die Polizey-commissaire.
die russische kaiserinn wird nun die österreichische monarchie schon
verlassen haben. sie war 2 tage in salzburg, wo sie gegen erzherzog Johann
und erzherzog Albrecht sehr unhöflich war (sie lud beyde nicht einmahl zu
tische ein). nach linz fuhr ihr unsere kaiserinn entgegen, eine höchst un-
nöthige höflichkeit, besonders bey dem impertinenten Benehmen derselben
in florenz, venedig und salzburg, übrigens soll sie auch in neapel nichts
weniger als freundlich gewesen seyn.
Als der kaiser im dezember hier war, ließ man ihn hereinkommen wie
einen schneider, weder in Bruck, wo er 36 stunden saß, noch in gloggnitz
noch hier wurde er von irgend Jemand empfangen, und jetzt rennen erz-
herzoge und kaiserinnen durcheinander, welche consequenz? überhaupt
nimmt unsere entente cordiale mit rußland nichts weniger als zu, wenn wir
dabey nur nicht so namenlos dumm, schwach und jämmerlich erschienen,
könnten wir uns trösten.
1 die Jahresausstellung der Akademie der bildenden künste.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien