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Juni 1846
ende dieses monats oder Anfangs July denke ich über Prag, leipzig,
hamburg nach helgoland zu gehen.
ich habe jetzt eben vor, malfatti zu fourierisiren, und habe ihm verspro-
chen, ihm fouriers Werke zu schicken, das wäre ein großer fang für die
schule.
[Wien] 24. Juni
meine Angelegenheiten haben keinen bedeutenden schritt vorwärts ge-
macht. graf kolowrat ist in ebreichsdorf und kömmt erst am 28. od. 29. zu-
rück, ich sah hofrath ekert am tage vor ihrer Abreise dahin, der mir sagte,
daß die Akten noch nicht bey ihnen seyen und ich daher bis dahin warten
möchte. mit erzherzog stephan konnte ich erst gestern sprechen, da er vom
17. bis 21. in Pesth war. er war freundlich wie immer, versprach mir mit
kübeck zu sprechen und forderte mich auf, im falle ich seiner dazwischen-
kunft bedürftig wäre, ihm nach Prag, wohin er am 25. abreist, zu schreiben.
in diesem einzelnen falle wenigstens sind dieß keine bloßen schönen Worte,
das habe ich mich überzeugt, er spricht ganz unaufgefordert und mit vieler
Wärme für mich.
diese große feindseligkeit von einer seite und diese warme theilnahme
von der anderen hat mich beynahe auf die vermuthung gebracht, daß man
hinter mir mehr als einen simplen Beamten herausgewittert habe, und daß,
sey es nun durch den gewissen Brief vom 9. februar dieses Jahres, der nie
angelangt ist,1 oder auf andern Wegen das dreyjährige geheimniß entdeckt
sey. Auch louis litta, der eben hier ist und den ich auf sein Begehren mit
dem hiesigen schutzvereine für entlassene sträflinge (er ist in mailand
Praesident eines ähnlichen vereines) in verbindung gesetzt habe, fragte
mich neulich so à propos de botte: ob es wahr sey, daß leo thun der verfas-
ser von oestereich und seine Zukunft sey!
ich habe nun meinerseits, und weil mir eine franche explication lieber
ist als so ein Zwitter-Zustand, meine minen springen lassen und bin dem
verdachte entgegen gekommen, durch Bethlen etc. übrigens gedenke ich, so
wie ich mit kolowrat gesprochen habe und es mir meine geschäfte erlauben,
nach helgoland abzureisen, ich hoffe, daß dieses bis 3. oder 4. kommenden
monats geschehen wird. die bloße idee macht mich schon gesund, denn im
übrigen sind meine nerven stark herunter.
in Pesth hat sich unter deák’s vorsitz ein comité gebildet, welches die
deutsche Presse in und über ungarn unterstützen und erforderlichen falles
honoriren will, die erscheinung von Artikeln und Brochuren in deutscher
sprache befördernd, ihre einrückung in in- oder ausländischen Zeitungen
1 vgl. dazu eintrag v. 13.2.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien