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Tagebücher596
Warum gibt man im Burgtheater nie dergleichen stücke? oder wenigstens
nationale, wie raupachs hohenstaufische dramen etc., welche man hier
täglich angekündiget sieht? Weil man sich vor jeder politischen Anspielung,
ohne die es einmahl nicht abgeht, fürchtet, das ist aber ebenso dumm als
erbärmlich, freylich unter einem 72jährigen schafskopfe wie moritz diet-
richstein kann das theater nicht das werden, was es seyn sollte.1
eine vortreffliche Anstalt hat leipzig an dem sogenannten museum in der
Petersstraße, welches eine auf dem großartigsten fuße eingerichtete lese-
anstalt ist.
mittwochs den 8. also verließ ich leipzig, fuhr auf der eisenbahn über
cöthen nach magdeburg, hinter cöthen fängt eigentlich der norddeutsche
charakter der gegend an. die unabsehbare langweilige ebene ohne Wald,
bloß korn-, hafer- und runkelrübenfelder, letztere besonders, da es in mag-
deburg viele Zuckerfabriken gibt, dazwischen Windmühlen ohne ende. Auch
magdeburg hat einen ganz eigenthümlichen düsteren langweiligen charak-
ter von verfallener größe und stiller langweile. ich stieg da herum und en-
nuyirte mich weidlich, sah das denkmal des kaisers otto etc. um 1/2 4 fuhr
ich wieder ab. von oschersleben, wo sich die Bahnen nach halberstadt und
Braunschweig trennen, gewinnt die gegend einen ganz andern, höchst liebli-
chen und interessanten Anstrich. links der harz und der Brocken, rechts an-
muthige hügel, dazwischen üppige felder, freylich auch ziemlich viel moor-
grund und sumpf, und über der ganzen gegend eine gewisse ruhe, stille
und isolirtheit (denn wie in ganz norddeutschland sind auch hier nur sehr
wenige, dagegen große und nett aussehende dörfer, jedoch keine zerstreu-
ten Wohnungen, so daß man oft viertelstundenlang weit und breit nichts
menschliches entdeckt) und eine menge störche, welche majestätisch auf
und ab spatzieren, kurz das ganze erinnert einen lebhaft daran, daß man in
dem stammlande der alten germanen ist. Wolfenbüttel liegt mitten in dieser
freundlichen gegend. gegen 7 uhr waren wir in Braunschweig. seit lange
hat kein ort einen so unendlich angenehmen eindruck auf mich gemacht wie
Braunschweig. diese noch ganz echte unverfälschte norddeutsche Bauart mit
den geschnitzten kleinen fenstern und den eines über das andere vorsprin-
genden stockwerken, die herrlichen Anlagen um die stadt mit den köstli-
chen gartenhäusern darin, kurz Alles gefiel mir außerordentlich, wozu auch
noch ein excellenter gasthof: hôtel d’Angleterre, kam, wo man nicht an table
d’hôte, sondern in seinem Zimmer aß. Am selben tage sah ich noch im thea-
ter, welches sehr hübsch und ganz vorzüglich ausgestattet ist, ein stück des
elisir d’Amore mit der fischer-Achten, herrn Pöck etc. tags darauf sah ich
1 Als oberstkämmerer hatte graf moritz v. dietrichstein auch die oberleitung über das
Burgtheater.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien