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manuscripte über oesterrreich, die seit längerer Zeit bey ihm liegen, wie
er denn überhaupt von dort eine menge schriften, meist mist, zugesendet
erhalte. ich rieth ihm, nur wirklich Ausgezeichnetes zu drucken, nicht die
Quantität, nur die Qualität könne wirken, ja jene sogar dem eindrucke des
wahrhaft guten schaden. Was ihre wiederholten Aufforderungen anbelangt,
so antwortete ich Anfangs campe unter 4 Augen, daß ich kein Bücherma-
cher von Profession sey, und daß eine neue schrift im Wesentlichen doch nur
eine Wiederholung des gesagten seyn würde, zu einem ganzen Buche (mit
neuen gedanken) aber sey ein äußerer Anstoß nicht vorhanden, eher noch
zu einzelnen Artikeln, und daher bedauere ich, daß er kein politisches Jour-
nal habe. Aber die letzte galgenpredigt bey dem besagten Abschiedsessen
machte, ich läugne es nicht, einigen eindruck auf mich, um so mehr, als sie
mit meinen eigenen gedanken und halbausgearbeiteten Plänen in einigem
einklange stand, und dieses beschäftigt mich nun stark, so sehr mir auch
der hiesige Badearzt dr. von Aschen ruhe anempfohlen hat. Wie wäre es,
wenn ich meine ideen in einer reihe von nach einander erscheinenden Brie-
fen à la Junius’ letters niederlegte?1
Also mein famoses schreiben hat campe erhalten, ich sagte ihm, es sey
für J. chr. siemens in holstein bestimmt gewesen, er, der sich auf derglei-
chen dinge versteht, bewies mir, daß er eröffnet worden sey.2 Auch trägt er
das Postzeichen Wien 12. februar, während ich ihn doch am 9. (11.) aus den
händen gab. so wissen denn die leute um das geheimniß und sagten und
thaten (?) doch nichts – – was bedeutet dieß? oder sollten sie doch nichts
wissen, und der Brief trotz der Adresse hofmann und campe den Argus-
augen des cabinet noir entgangen seyn? ich glaube beynahe das letztere.
übrigens sind campe und schuselka in den religiösen controversen bis
über die ohren befangen, schuselka als enthusiastischer deutsch katholik,
so sehr ich ihm auch zuredete, dieses feld wenigstens rücksichtlich oester-
reichs sowol im interesse des politischen fortschrittes unseres vaterlandes
als in seinem eigenen (denn er leidet doch stark am heimweh) zu verlassen,
er aber erblickt darin die Zukunft der Welt, campe dagegen rein als negi-
rende natur, der das ganze christenthum zusammenschmeißen will und
sich wahrhaft kindisch auf ein paar Werke freut, die er dazu im Anmarsche
hat (namentlich ein merkwürdiges Werk von daumer in nürnberg, welches
gräuelthaten ohne Zahl, menschenopfer etc. des christenthums enthüllen
1 die als „Junius letters“ von 1768–1772 im londoner Public Advertiser erschienenen an-
onymen Artikel zum Zustand von staat und gesellschaft in england wurden bereits 1772
vom herausgeber der Zeitschrift erstmals in Buchform publiziert.
2 vgl. zur geschichte dieses Briefes eintrag v. 13.2.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien