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Juli 1846
soll), und worüber er mir die merkwürdigsten Briefe etc. vorwies.1 castle’s
manuscript lehnte er ab, indem er auf Phrenologie nichts gebe, es wäre
denn, daß mir ein ganz besonderer gefallen dadurch geschähe, was ich aber
verneinte, da ich ihn in meiner verpflichtung behalten wollte.2
Wegen fourier etc. klopfte ich bey ihm und schuselka an und hoffe, man-
ches zündende Wort in sie hinein geworfen zu haben, der fruchtbarste Boden
in ganz deutschland, schuselka der fertigste Bücherschreiber, campe der
kühnste verleger deutschlands. Auch empfahl und zeigte ich ihnen tous-
senels Werk (welches sie nicht kannten) zur wenigstens theilweisen ver-
deutschung.
und so fuhr ich dann, re bene gesta, dienstag den 12. auf dem dampf-
boote koning Willem 2. ab, bey herrlichem Wetter und ruhiger see, und kam
gegen 7 uhr Abends hier an ohne seekrank geworden zu seyn. der originelle
Anblick der insel und die herrliche luft erquickten mich. Am strande fand
ich Breuner und wohne mit ihm und fürst fugger Babenhausen in einem
hause.
[helgoland] 20. July
ich führe hier ein sehr ruhiges, einförmiges leben, welches aber doch sehr
eigenthümlich ist. geselligkeit gibt es wenig, denn es sind viele wirklich
kranke Badegäste hier, zudem sind die Badestunden sehr verschieden, doch
lernt man sich bey den gemeinschaftlichen überfahrten nach der düne,
dann bey der table d’hôte kennen. Zweymahl die Woche sind Bälle im con-
versationshause und sonst noch ein paar mahl soiréen mit musik. von oe-
sterreichern sind hier: graf und gräfinn kufstein aus dresden, die Breu-
ners und seit vorgestern Baron doblhoff. das sind denn auch so ziemlich die
leute, die ich am meisten sehe. dann fugger, graf Bernstorf, preußischer
gesandter in münchen und seine hübsche frau, ein sächsischer kammer-
herr Baron minckwitz, die herzoginn von Anhaltcöthen aus Wien nebst
hofdame gräfinn Wratislaw und kammerherrn Baron lilien etc. etc. viel
interessantes gibt es übrigens unter den Badegästen nicht.
ich fahre gewöhnlich nach dem frühstücke, zwischen 9 und 10 uhr,
auf die düne hinüber (manchmal eine sehr stürmische und beschwerliche
fahrt), nehme dort mein seebad und komme wieder zurück, was immer we-
nigstens 2 stunden weg nimmt. um 3 uhr esse ich an der table d’hôte bey
Peter franzen im oberlande mit den oben genannten und noch einer menge
1 Wohl georg friedrich daumer, die geheimnisse des christlichen Alterthums (hamburg
1847).
2 es handelte sich um die Analyse des nationalökonomen friedrich list, vgl. eintrag v.
10.5.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien