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Tagebücher602
anderer Personen, dann ist gewöhnlich noch conversation auf der terrasse
vor dem hause, ein großes fest ist die Ankunft eines dampfbootes von ham-
burg oder Bremen, welches 3 bis 4 mal wöchentlich statthat. das Wetter war
übrigens bis jetzt noch fast immer schlecht, d.h. kalt und stürmisch, gestern
sogar so daß eine Zeit lang die überfahrt nach der düne ausgesetzt werden
mußte.
dr. Aschen ist mit der bisherigen Wirkung der seebäder auf mich sehr
zufrieden, sie echauffiren mich gar nicht, sondern schwächen mich und
nehmen mir manchmal (jedoch nun seit ein paar tagen weniger) den kopf
so ein, daß ich mich kaum mit etwas beschäftigen kann. das ist mir nun
sehr unangenehm, weil ich gerade jetzt nach langem hin- und hergrübeln
dann doch zu dem entschlusse gekommen bin, campes Begehren zu erfüllen
und einen 2. theil zu oesterreichs Zukunft zu schreiben. nach reiflichem
überlegen habe ich mich für die Briefform entschlossen, erstlich wegen der
leichtern Behandlungsweise in dieser form (denn so leicht mir die ideen im
kopfe von statten gehen, so besitze ich doch noch zu wenig schriftstellerische
gewandtheit und routine, um sie mit leichtigkeit zu Papiere zu bringen),
und dann weil mir diese form die möglichkeit darbietet, auch späterhin
bey sich ergebenden Anlässen fortsetzungen, auch allenfalls nur einzelne
Briefe, à la Junius letters, folgen zu lassen. ich habe denn damit angefangen
und denke nun rüstig fortzuarbeiten, insoweit es mir nämlich meine cur
und mein kopf gestatten.
die seeluft ist an und für sich schon eine prächtige cur, und diese genießt
man hier im vollsten maaße. dieser rothe sandsteinfelsen mitten im wei-
ten ozean hat wirklich etwas höchst eigenthümliches, neulich fuhren wir,
die Breuners, ich etc. um die insel herum, sahen mörners gatt, Jung gatt,
die nonne, den halb eingestürzten Pfaffen etc., wirklich überraschende und
großartige felsenformationen mitten im meere.
graf goës ist in Wien gestorben. dadurch sind eine menge stellen leer
geworden, wieder eine neue verlegenheit für unsere machthaber, welche
sich nie zu einer ernennung entschließen können. die bodenlos dumme
geschichte mit dem hofmusikgrafen ist dahin beygelegt, daß leopold Pod-
statzky und nicht der gazettirte und anfänglich ernannte Adolph zu dieser
stelle bestimmt worden ist. erzherzog ferdinand hat endlich bon gré mal
gré seine demission genommen, rudolph stadion ist hofkommissär für
galizien, und leo thun soll ihm beygegeben seyn, schreibt gabrielle,1 ich
1 graf rudolf stadion, gouverneur in Brünn, wurde als „außerordentlich bevollmächtigter
hof-commissär“ mit der Aufgabe nach galizien entsandt, „daß derselbe, mit der Amtsge-
walt meiner vereinigten hofkanzlei versehen, im lande selbst persönlich wirksam auf-
trete, alle zur Beruhigung der grundbesitzer und unterthanen erforderlichen maßregeln
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien