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Juli 1846
gestehe zu meiner schande, daß mich diese letztere nachricht etwas unan-
genehm berührt und zu meinem entschlusse, wieder als schriftsteller auf-
zutreten, vielleicht den letzten Anstoß gegeben hat. es ist nicht eifersucht,
nicht neid, aber Ärger über eine Bevorzugung, welche in Allem so sichtlich
hervor tritt und die er einem (freylich ohne sein dazuthun, wenigstens weiß
ich von einer solchen nichts) mir abgeborgten falschen schimmer verdankt,1
verbunden mit einer mir nichts weniger als angenehmen Persönlichkeit und
mit meiner überzeugung, daß er nichts weiter ist, als eine secundaire intel-
ligenz mit bloß provinciellen und noch dazu undeutschen tendenzen.
übrigens hört man aus galizien die seltsamsten dinge. der ganze Adel ist
plötzlich russomane geworden, studirt russisch mit einer Art von Wuth und
begehrt laut, russisch zu werden. dahin also hätten wir es gebracht. ist aber
diese neue erscheinung ein natürliches resultat der letzten ereignisse, was
sehr begreiflich wäre, oder ein bloßer umtrieb der Propaganda?
endlich haben wir in oesterreich die gewerbefreyheit erhalten, wobey
jedoch die Zünfte, wo sie bestehen, als körperschaften, jedoch ohne irgend
einen Zunftzwang beybehalten werden, ein großer fortschritt.
lord J. russell’s kabinett ist constituirt. victrix causa diis placuit, sed
victa catoni. nie ist ein mann so schön gefallen wie Peel. in norddeutsch-
land spricht man nun vornehmlich von den Zeitungsverbothen (Bremer- und
Weserzeitung), die der gekrönte hanswurst in Berlin neuerlich erlassen hat.
dieser hundsfott wird es noch dahin bringen, daß selbst die lammherzigen
Berliner ihn davon jagen. Auch canitz ist schon zu grunde gerichtet und
mehr todt als lebend.
[helgoland] 27. July
heute habe ich mein 10. seebad genommen. Anfangs wirkten diese Bäder
sehr schwächend auf mich, und nach dem 5. trat ein ziemlich bedeutendes
unwohlseyn mit einem leichten fieber ein, seitdem aber habe ich mich er-
holt, und seit ein paar tagen hat auch die Betäubung des kopfes aufgehört,
in übereinstimmung und Zusammenhang bringe, für die kräftige möglichst schnelle voll-
ziehung der diesfälligen öffentlichen Anordnungen sorge trage, außerdem aber darauf ein-
wirke, daß die als angemessen erkannten organischen einrichtungen und verbesserungen
der wahrgenommenen mängel in der politischen verwaltung schnell und vollständig ermit-
telt, gewählt und vorbereitet, und endlich zweckmäßig durchgeführt werden“ (kaiserliches
handschreiben v. 2.7.1842). stadion beigegeben wurde graf leo thun. vgl. zu dieser mis-
sion Josef Alexander frh. v. helfert, graf leo thun in galizien. größtentheils nach Briefen
und handschriftlichen Aufzeichnungen; in: Österreichisches Jahrbuch 17 (1893) 57–146,
Zitat des handschreibens 67f.
1 Am 24.6.1846 hatte Andrian über das gerücht berichtet, graf leo thun wäre der Autor von
österreich und dessen Zukunft.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien