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Tagebücher608
dem meere, so daß man keine 20 schritte vor sich sah. im nachhausefahren
vom Bade, ich fuhr mit den gräfinnen kufstein und Bernstorf, zertheilte
sich plötzlich ein theil des nebels, und man sah wie in der luft schwebend
oder wie eine fata morgana die kuppel des leuchtthurmes und das rothe
dach des hauses, wo kufstein wohnen, es war ein superber Anblick.
neulich hatten wir eine sehr hübsche Parthie mit Prinz Albert, An-
haltcöthen, Bernstorf, kufstein, Breuner etc. etc., wir fuhren nach 5 uhr auf
den dorschfang, wo auch ich ziemlich glücklich war, dann auf die düne, wo
ein goûter bestellt war. da wurden die sandhügel erklettert, weil die damen
behaupteten, die Aussicht sey von oben schöner! erst spät, gegen 11, fuhren
wir nach hause beym schönsten seeleuchten.
heute war ein diner bey mohr auf der oberen terrasse, ungefähr diesel-
ben leute minus coethen und Breuner, dafür aber meine alte Antipathie
consul hübner aus leipzig, der seit gestern hier ist, und dessen diplomati-
sches staatskanzleyriechendes gesicht ich durch allerhand staatsgefährliche
Witze aus dem geleise zu bringen suchte. überhaupt aber werden mir diese
hoheiten, mit denen man immer und überall zusammentrifft, nachgerade
etwas lästig. diesen Abend ist wieder ein solcher spaß, rout beym gouver-
neuer und immer dieselben leute. gräfin kufstein und Bernstorf sind übri-
gens sehr liebenswürdig, desto langweiliger aber die Andern.
die holsteinschen stände haben sich musterhaft benommen, geradeso
wie das holsteinsche volk selbst bey der versammlung zu neumünster.
diese ernste, feste, gemäßigte sprache muß Wirkung hervorbringen. nun
sind sie freywillig und trotz der vorstellungen des königlichen commissärs
auseinandergegangen, weil sie unter diesen umständen, und da ihnen sogar
das Petitionsrecht verweigert werde, nichts weiter zu thun hätten. der kö-
nigliche commissär hatte nämlich auf ausdrücklichen Befehl die Annahme
der Adresse verweigert, welche die stände wider den offenen Brief über-
reicht haben, nun gehen die Acten an die Bundesversammlung.
Auch die deutsche Advocatenversammlung in kiel ist untersagt worden
und wird statt dessen in hamburg statthaben. Wie soll das Alles enden? der
könig soll bey seiner Ankunft in föhr mit Zischen und geschrey empfangen
worden seyn.
es ist merkwürdig, was die leute hier für einen gesunden politischen
sinn hat [sic], man sieht es hier recht, wie das selfgovernment zur Ausbil-
dung und reife des characters beyträgt, und was wir herrenknechte, vom
höchsten bis zum niedersten herab, für misérable, verkrüppelte menschen
sind. helgoland ist vielleicht das am wenigsten regierte land der Welt. das
einzige Zeichen der englischen Autorität ist der gouverneur, welcher übri-
gens auf die Administration keinen andern einfluß hat als den, in recurs-
fällen 2. instanz zu seyn. sonst regiert helgoland ein rath von 6 Personen,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien