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August 1846
gerade in diesem Augenblicke zieht eine ungeheure menschenmasse un-
ter meinem fenster vorüber und brüllt: schleswig holstein stammverwandt,
besonders stark schreyen die knaben – aus welcher veranlassung? das muß
ich erst erfahren.
kopenhagen 21. August
vorgestern mittwoch machte ich noch eine große Promenade über düstern-
brook nach Bellevue, wo ich die schöne Aussicht und die über alle Beschrei-
bung herrliche gegend genoß. um 4 uhr nachmittag verließ ich kiel auf
dem dampfboote copenhagen, einem der größten und schönsten, welche
ich noch gesehen. Auch sonst in jeder Beziehung mit allen möglichen com-
forts versehen. die fahrt war eine sehr angenehme, die see wie ein spie-
gel (in der ostsee gibt es keine ebbe und fluth), das Wetter sehr schön
und besonders der Sonnenuntergang magnifique. Man fährt Anfangs lange
im Angesichte der holstein’schen küste, dann zwischen langeland, laa-
land und femarn durch und dann an den inseln falster und möen (wo
die einzigen felsen weit und breit, möns klint, sind) vorbey, so daß man
auf der ganzen fahrt fast immer land, wenigstens in der nacht die häu-
figen Leuchtthürme und Strandfeuer sieht. Als ich Morgens gegen 1/2 6
aufs verdeck kam, regnete es, doch sahen wir ganz nahe die schwedische
küste und malmöe auf der einen, die insel Amack1 und dragör etc. auf der
andern seite. um 1/2 8 waren wir im hafen von copenhagen, um in diesen
zu gelangen, mußten wir erst um die spitze von Amack und um das fort
mitten im meere herumfahren. meine sachen wurden da abermals jedoch
nur sehr oberflächlich visitirt, ich bekam meinen Paß zurück und fuhr in
einer entsetzlichen droschke nach dem hôtel d’Angleterre auf dem kongs
nyetorv,2 beynahe 2 stunden darauf erhielt ich erst meine sachen und mei-
nen mackintosh und reisehut gar erst am Abende, da ihn die träger aus
verstoß in das hôtel royal gebracht hatten. ich frühstückte schlecht, sah
bald, daß ich statt in ein ordentliches hôtel in eine kneipe gerathen war.
dazu das unsichere Wetter, der schmutz auf den langweiligen, breiten,
schlecht gepflasterten Straßen, etc., kurz ich war im übelsten Humor und
schimpfte über kopenhagen zur großen kränkung meines lohnbedienten,
welcher übrigens auch ein modell von dummheit war.
es gibt zwar eine masse von schönen königlichen Pallästen hier, z.B.
die christiansburg, die Amalienburg, bestehend aus 4 Pallästen etc., aber
sonst sind die häuser niedrig und schlecht, die straßen schmutzig, ohne
trottoir, gar keine eleganten läden und menschen zu sehen, von equipa-
1 Amager; Amack ist ein alter, heute ungebräuchlicher Name der Insel.
2 kongens nytorv, der zentrale Platz kopenhagens.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien