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sonnambula ziemlich schlecht, am 2. gab man zu meiner großen freude das
Ballett: giselle, Ausstattung, costumes, decorationen, maschinerie etc. so
prachtvoll und gelungen wie nirgend sonst in europa, aber der Ballettmei-
ster, der es hier in scene setzte, hat die wundervolle Poesie desselben nicht
verstanden, und so entstanden arge bévues, welche mich, der aus diesem
Ballette ein studium gemacht habe, bitter kränkten, ja sogar das herrliche
Pas de deux im 2. Akte, der glanzpunkt des ganzen, wegblieb und durch ein
anderes ersetzt wurde. corps de ballet übrigens und auch die soloparthieen
mittelmäßig.
ich habe ein paar male mit handel, resseguier und mehreren jüngern
diplomaten hier im club, sogenannt casino, gegessen, sonst bey mielentz
oder zuhause. neulich machte green hier eine luftfahrt, leider ließ ich mich
durch das ungewisse Wetter abhalten hinzugehen.
franz stadion soll einen coup de tête gemacht und sein gouvernement in
triest verlassen haben, um nicht mehr zurück zu kehren, ich sah ihn im letz-
ten momente, ehe ich mich einschiffte, in copenhagen, ohne jedoch mit ihm
zu sprechen. die sache erscheint mir, wenigstens so wie sie erzählt wird, als
etwas unwahrscheinlich.1
von politischen dingen ist es hier wie immer zu dieser Jahreszeit sehr
stille. schleswig-holstein steht noch immer im vordergrunde, und nach
dem verhalten der hiesigen Zeitungen, und nach dem was man sonst hört,
scheint oesterreich weit geneigter als Preußen, zu gunsten der deutschen
nationalität ein entschiedenes Wort zu sprechen. unglaublich, aber gott
wolle, daß dem so wäre! der sturm von Adressen und Petitionen in deutsch-
land nimmt immer zu.
die vielbesprochene „königlich preußische constitution“ dürfte nun
dennoch ende dieses Jahres erscheinen.2 das wird etwas schönes seyn.
manchmal wäre ich wirklich versucht, der Ansicht campe’s in hamburg
beyzupflichten, welcher überzeugt ist, daß in kurzer Zeit eine totale und
gewaltsame revolution über deutschland hereinbrechen werde! gott wolle
es verhüten, aber wenn man es so mit ansieht, wie die deutschen fürsten,
kaum 2 oder 3 ausgenommen, hausen, so könnte man es wahrhaftig nicht
mißbilligen. es ist dahin gekommen, daß wir die legitimität repraesentiren
und die regierungen die usurpation.
1 graf franz stadion hatte nach Andrians späteren informationen tatsächlich seine demis-
sion eingereicht, diese aber wieder zurückgezogen, und blieb darauf bis zu seiner ernen-
nung zum Gouverneur von Galizien im April 1847 in Triest; vgl. Eintrag v. 22.9.1846.
2 die schaffung eines preußischen generallandtags wurde erst am 3.2.1847 verkündet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien