Page - 634 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 634 -
Text of the Page - 634 -
Tagebücher634
kampf kein sieg, und jeder übergang ist schwer. in einem Jahre ist Alles
überwunden.
Am 15. gehe ich in die stadt und bleibe dort. die Baroninn [hruschowska]
ist endlich aus meiner Wohnung gezogen unter tausend Phrasen über ihre
dankbarkeit etc. ich war neulich in der stadt und machte da bey doblhoff
Bauernfelds Bekanntschaft, der mir eine menge materialien etc. versprach.
Auch sah ich gabrielle, welche von Berchtesgaden zurück ist.
es ist jetzt sehr schön, und ich gehe viel spatzieren, doch sind die Abende
schon sehr lang, und wenn das theater, welches am 14. aufhört, nicht wäre,
so wüßte ich nicht, wo sie zubringen. neulich fuhr ich per eisenbahn nach
neustadt und sah mir die schöne alte domkirche an mit dem grabe des
Zriny und frangepan, qui quia caecus caecum duxit, ambo in hanc foveam
ceciderunt – – Wer den schaden hat, darf für den spott nicht sorgen.
übrigens haben die aufgeklärten ungarn neulich den auf ungarischem
Boden stehenden Bahnhof der erst vor 3 Wochen eröffneten Brucker eisen-
bahn zerstört, weil er gegen ihre nationalvorrechte sey!! und da soll ich, um
Popularität unter diesen leuten zu erwerben, einen Panegyrikus auf un-
garn in mein Buch verweben! – – – das fällt schwer.
der Palatinus war so übel, daß erzherzog carl von hier eilends nach ofen
abfuhr, jetzt soll er aber wieder viel besser seyn. das hätte eine neue compli-
cation gegeben.1
ich habe so eben eine sehr merkwürdige schrift gelesen: galizien und die
robotfrage,2 welche über unsere Zustände mehr Wahres und treffendes ent-
hält, als ich seit lange gelesen.
neulich begegnete ich auf der eisenbahn die alte terzi aus mailand, wel-
che aus rußland kömmt und sammt tochter Julie auf einige Zeit in Baden
ist, um ihre tante fürstinn dietrichstein zu besuchen. sie wollte sich gleich
meiner bemächtigen, ich aber habe mich wohl gehütet, von diesem alten
dragoner hier eine weitere notiz zu nehmen.
die politische tagesneuigkeit ist montpensiers heirath, doch hoffe ich,
daß man auf der thronentsagung der infantinn bestehen wird, sowohl dem
utrechter frieden zu liebe, als um dem schundkerl louis Philippe eine
nase zu drehen.3
rudolph stadion ist noch immer in Wien. Am 19. fangen die Berathungen
des committees über galizien (hartig, inzaghy, Pillersdorf, stadion, Buol,
von welchen allen bloß stadion, und zwar auf sechs Wochen, je im lande
1 erzherzog Josef, Palatin von ungarn, starb am 13.1.1847 in ofen (Buda).
2 galizien und die robotfrage. vom verfasser der schrift: „ueberblick der verhältnisse in
galizien und Polen“ (leipzig 1846).
3 vgl. dazu eintrag v. 22.9.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien