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Tagebücher654
James horrocks sah ich neulich, es ist ein charmanter junger mann. Ame-
lie ist in Weimar und hat schon 3 kinder, Auguste in england, die übrigen in
mannheim.
diesen Abend habe ich noch einen großen Ball bey Bernstorf, wo ich so
ziemlich die ganze gesellschaft sehen dürfte, zum ersten und auch zum letz-
ten mahle.
Ansbach 2. februar
dienstag den 26. fuhr ich um 11 mit der eisenbahn nach Augsburg, wo ich
um 1 uhr ankam und in den drey mohren abstieg. nach tische begab ich
mich zu kolb, fand ihn aber erst, als ich ihn um 5 uhr zum 2. mahle auf-
suchte. ich traf ihn, bedeutend gealtert und ernster geworden, im kreise
seiner familie, und er engagirte mich sogleich, den Abend bey ihm zuzu-
bringen und den thee bey ihm zu trinken. nach und nach kam theils von
selbst, theils mir zu ehren herbey citirt, seine ganze gewöhnliche gesell-
schaft: die verwaiste familie list,1 herr und frau v. Binzer sammt einer
tochter, ein paar redakteure der Allgemeinen Zeitung etc., nur hailbron-
ner, den er ebenfalls hatte aufsuchen lassen, kam nicht. es war ein sehr
angenehmer Abend. frau v. Binzer ist eine sehr geistreiche, lebhafte frau.
mit kolb konnte ich diesen ersten Abend zwar nicht viel Besonderes reden,
er machte mir große komplimente über mein Buch (von 1843), und wir spra-
chen viel über oesterreichs Zustände, wobey ich ihm nicht verhehlte, welche
ungünstige meinung bey uns nach und nach über seine Zeitung und ihre
allzugroße servilitaet zu herrschen anfange, und ebensowenig, daß ich sie
in einem gewissen grade selber theile. er verwehrte sich feyerlichst und
wiederholt gegen den verdacht einer allzugroßen Abhängigkeit von unserer
regierung, klagte über mangel an vertrauen von seite der opposition und
versicherte, daß er Alles von ihr aufnehmen würde, was nicht gar zu stark
wäre. ich machte ihm begreiflich, in welcher ganz besondern stellung seine
Zeitung sich bey uns befände, eben weil sie unsere einzige sey; daß ein Ver-
both derselben kaum ausführbar wäre, und daß sie ebendaher der regierung
gegenüber weit unabhängiger auftreten könnte, als sie es bisher und jemals
gethan habe. ich schilderte ihm lebhaft das verdienst, welches sein Blatt
sich auf diese Art um die gute sache erwerben könnte, die infamie und ver-
rostetheit unserer Zustände und meine sichere hoffnung, daß es jetzt noch
an der Zeit sey, ihnen eine bessere Wendung zu geben. er selbst schien mir
ganz gegen unsere regierung und ihr system eingenommen und nur minder
vertrauensvoll in die Zukunft als ich. Wenn man nun hiebey die tendenz sei-
ner Zeitung berücksichtigt, so scheint dieß allerdings zu beweisen, daß nicht
1 der nationalökonom friedrich v. list hatte am 30.11.1846 selbstmord begangen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien