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Februar 1847
ernst lerchenfeld, regierungssekretär dahier, von großem nutzen ist. üb-
rigens sind die gutsherrlichen verhältnisse in Bayern nicht mehr, ja in man-
cher hinsicht noch weniger entwickelt als bey uns, es gibt noch ungemes-
sene roboth und gar kein gesetz über die fixirung oder Ablösung derselben
oder der Zehnten und sonstigen grundabgaben, außer bey den grundholden
des staates, welcher freylich in Bayern der größte grundherr ist. in franken
und den nördlichen Provinzen sind diese gefälle, namentlich die robothen,
sehr unbedeutend, dagegen in Altbayern sehr viele Bauerngründe noch auf
leibrecht, also nicht einmahl vererblich sind. dagegen ist das gemeindewe-
sen sehr gut und namentlich das – so schwierige – verhältniß des grund-
herrn zur gemeinde aufs Beste bestimmt, er ist nämlich in Allem ein mit-
glied derselben, nur seine herrschaftlichen gefälle sind von gemeindelasten
frey.
von Wien höre ich nicht viel neues, ob das Buch bereits dort sey oder
nicht, weiß ich ebenfalls nicht. onkel ferdinand ist nun mit der durch-
lesung desselben fertig geworden und meint, ich werde es mit beyden Par-
theyen verderben, denn dem liberalen Publikum (in deutschland) werde es
nicht genügen, für dieses schreibe ich ja aber nicht, sondern für die prakti-
schen männer in oesterreich, wo es liberale in dem norddeutschen sinne
noch nicht gibt, das Buch soll ein discours-ministre seyn und kein theoreti-
sches system.
Wenn der ungeheure schnee mich nicht am Weiterreisen hindert, so will
ich also am 17. oder 18. abfahren, länger halte ich es nicht mehr aus.
die famose preußische verfassung ist also endlich am 3. dieses monats
erschienen,1 ein merkwürdiges specimen königlicher insolenz, welche heut-
zutage so ein elendes machwerk noch für möglich hält. die leute hat gott
verlassen und mit Blindheit geschlagen. übrigens sind die gesammtstände
auf den 11. April berufen.
in den französischen kammern salbadern guizot, thiers etc. über krakau
und die spanischen heirathen, im englischen Parlamente sind diese fragen
noch zu keiner rechten erörterung gekommen, denn diesem gibt das furcht-
bare elend in irland zu viel zu thun.
heute fuhr ich lenchen im schlitten nach neusass, einer elenden kneipe,
wo die hiesige schöne Welt zu kaffeh und kücheln zusammen kömmt.
Prag 23. februar Abends
die letzten tage in Ansbach vergingen ziemlich langweilig, wir hatten, da
es die letzten tage des carnevals waren, ein paar höchst langweilige Be-
suche von masken, theils Bekannten, theils Bürgern der stadt. Am letzten
1 die schaffung eines preußischen generallandtags, die am 3.2.1847 verkündet wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien