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Tagebücher672
von politischen dingen zu sprechen, nach seiner individualität behandeln,
jene welche wie z.B. fürst lamberg blind und wüthend dreinfahren wollen,
mäßigen, die Zaghaften ermuthigen, die gleichgültigen anfeuern, den un-
schlüssigen und halben eine feste richtung geben etc., dem einen schmei-
cheln, den Andern imponiren, bald die aristokratische, bald die populaire
seite herauskehren. Bey all diesem fehlt mir ein mächtiger rückhalt, und
dieser ist ein eigener bedeutender Besitz, ein solcher würde mich nicht nur
gegen jeden verdacht, als kämpfte ich nur deßwegen gegen das Bestehende
an, weil ich wenig zu verlieren habe, sicher stellen, sondern mir auch die
vermuthung eigener praktischer erfahrung in landwirthschaftlichen und
gutsherrlichen verhältnissen (welche gegenwärtig denn auch hauptsäch-
lich zur sprache kommen) gewinnen und meiner stellung als liberaler Ari-
stokrat erst die rechte grundlage geben. eben weil ich dieses fühlte, fange
ich jetzt zum erstenmahle an, ernstlich ans heirathen zu denken, so schwer
mir auch sonst dieser schritt fallen würde, gewiß ist, daß eine reiche Par-
thie meine stellung ungemein verbessern würde.
namentlich werde ich von den ungarn sehr fetirt, gestern aß ich bey Pepi
esterhazy mit mehreren matadors beyder Partheyen, aber überall stoße ich
auf das unselige vorurtheil gegen uns oesterreicher. dieses zu überwinden
dürfte meine schwierigste Aufgabe seyn. Pepi esterhazy brachte mir neu-
lich eine sehr interessante denkschrift über ungarns Zustände, welche vor
wenig tagen unserm kabinette überreicht, darin große sensation gemacht
hat, den verfasser kenne ich nicht. erzherzog stephan hat gestern den eid
als statthalter abgelegt, daher scheinen die Bedenklichkeiten überwunden.
morgen geht er auf kurze Zeit nach Prag und soll dann eine sechswöchent-
liche Bereisung ungarns vornehmen, um mit eigenen Augen zu sehen und
– die übertriebenen hoffnungen beyder Parteyen herabzustimmen. – –
In der, offiziellen, Pesther Zeitung (deutsch) war neulich ein Artikel,
worin meine vorschläge wegen der robot- und Zehentenablösung auf eine
sehr perfide Art beleuchtet wird [sic]. Der Verfasser raisonnirt so: Die Ro-
both und Zehenten sollen nach meinem Antrage nach Ablauf der Praeclu-
sivfrist zwangsweise nach dem schätzungswerthe abgelöst werden, die
urbarialsteuer aber einstweilen wie bisher verbleiben, d.h. auf grundlage
der fassionen, die weit niedriger sind als deren wahrer Werth. so soll also
der grundherr die robot etc. nach dem wahren Werthe empfangen, dage-
gen aber nach einem niedrigeren versteuern, ist dieß billig? An hämischen
Ausfällen und schimpfen fehlt es dabey nicht. ich könnte darauf antwor-
ten, daß die Besteuerungsfrage mit der Ablösungsfrage nichts gemein habe,
werde es aber wohl nicht thun. doch ist es merkwürdig zu sehen, wie die
regierung, während sie nun von communismus etc. radotirt, um den Bey-
fall der massen buhlt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien