Page - 677 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 677 -
Text of the Page - 677 -
67720.
April 1847
sis weitere nachforschungen machen will) und sodann verabredetermaßen
an kolb wegen der zukünftig festzusetzenden Bedingungen schreiben. Auch
meine Abrechnung mit campe (von dem Auersperg mir einige ganz schmut-
zige geschichten erzählte, die er auch an mir probiren zu wollen scheinet)
schwebt noch immer, wird aber wohl jetzt durch Welsch, der dieser tage zur
ostermesse nach leipzig geht, zu stande gebracht werden. mörings bewuß-
tes Manuscript befindet sich bereits im Auslande.1 die grenzboten brachten
neulich einen Artikel über das Anleihen, jedoch nicht den seinigen, und zu-
gleich einen andern Aufsatz, worin eine Parallele zwischen mir und simon
in Breslau gezogen wird.2 kübeck soll in großen verlegenheiten seyn durch
die bey der zunehmenden noth und durch die vom Auslande her einströ-
menden staatspapiere (die er nothwendig kaufen muß, um ihr sinken zu
verhüten, denn fallen sie um 10%, so sind die contrahenten des Anlehens
vertragsmäßig ihrer Verpflichtungen enthoben), und über das Unsinnige des
letzten Anlehens scheinen den leuten dann doch auch endlich, zu spät, die
Augen aufzugehen. hilft nicht der himmel durch eine gute ernte, so purzelt
der große mann. Bis nun stehen die saaten gut, doch ist es noch verzweifelt
kalt, gestern früh hatten wir 0° r und neulich sogar ein schneewetter.
gabrielle war ziemlich ernstlich krank, eine grippe mit fieber und ner-
venabspannung, jetzt geht es aber wieder besser. die arme toni esterhazy
ist dagegen sehr gefährlich krank, und ich bin sehr besorgt um ihr leben.
das große ereigniß, welches Alle Andern in sich absorbirt, ist die am
11. erfolgte eröffnung des preußischen vereinigten landtags und die hirn-
wüthige thronrede des königs. donnerstag in der letzten soirée bey dobl-
hoff ward sie vorgetragen und erregte allgemeine indignation. tags darauf
kam doblhoff ganz entmuthiget zu mir und lamentirte 2 stunden lang über
die folgen, welche nach seiner Ansicht diese rede auf uns und die entwik-
kelung des ständischen Principes bey uns haben wird. ich beschwichtigte
ihn, so gut ich konnte, denn ich sehe in jeder Aufregung der geister bey
uns einen großen gewinn, und diese wird erfolgen, mag nun der Ausgang
in Preußen so oder anders seyn. Zu einem gewaltstreiche sind übrigens
unsere regierer zu schwach und zu furchtsam. und schließlich hänge ich
nicht wie doblhoff am ständischen Princip quand même. fällt dieses über
den haufen, so kömmt etwas andres, jedenfalls aber fortschritt wenn auch
ein bischen stoßweise, für mich fürchte ich selbst eine revolution nicht.
1 Zur publizistischen Arbeit karl moerings im vormärz und seiner Beziehung zu Andrian
vgl. Adam Wandruszka, karl moering. ein deutscher soldat und Politiker aus dem alten
Österreich; in: MIÖG 53 (1939) 79–185.
2 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 6 (1847), i. semester, ii. Bd., 24–27:
Das österreichische Anlehen. Aus Wien; und 36–37: Aus Wien: Barion Andriany [sic] und
heinrich simon. Beide Artikel sind mit einem kürzel gezeichnet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien