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Mai 1847
einen Augenblick die lanthieris, in Prewald kam mir nina Baronio nach-
gefahren, meine reisegefährten waren zum theile Bekannte: Jerningham,
Bianchi, in cilly kam franz stadion dazu etc. Am 12. übernachtete ich in
Grätz, wo ich Frankh zu finden hoffte, traf ihn aber erst Tags darauf am
Bahnhofe, als der Zug eben abging. mit stadion sprach ich namentlich von
gloggnitz bis hieher lang und viel. eltz, der in Baden einstieg, erzählte mir
den tod des armen Pepi esterhazy, der mich sehr frappirte, noch habe ich
mischka esterhazy nicht gesehen, um zu erfahren, was mit den beyden
Briefen an Batthiany und teleki geschehen ist, die ich ihm übergab, das ist
eine ernsthafte sache, car elle frise les bords de la legalité, wenigstens nach
der hiesigen Auslegungsweise. Am 13. nachmittags gegen 7 uhr war ich
hier und fand Pakete etc. ohne Zahl. fritz deym war hier gewesen (mit der
böhmischen deputation zur leichenfeyer erzherzog carls) und hatte mir
vieles mitgebracht. lamberg etc. hatten mir ebenfalls sendungen gemacht.
gleich am tage nach meiner Ankunft hatte ich schon eine menge Be-
suche: stifft, doblhoff, moering etc. doblhoff warnte mich vor der Polizey.
diese hatte seinen Bedienten in sold nehmen wollen, welches ihm dieser
aber entdeckte, und bey der hierüber stattgehabten explication kam her-
aus, daß es eigentlich auf mich abgesehen gewesen war, und daß man mich
eigentlich als den gefährlichsten ansieht. Auch aus andern Äußerungen (so
z.B. erzählte mir gestern gabrielle, erzherzog carl ferdinand behaupte,
ich hätte fritz deym und den Böhmen den kopf verdreht!!!) sehe ich, daß
der Wind von dieser seite weht, um so mehr ursache für mich, nun streng
in den schranken der legalität zu bleiben, damit sie mir nichts anhaben
können, und sovielmöglich den lustigen guten kerl zu spielen.
der böhmische landtag va son train und dürfte noch lange dauern, der
Commissionsbericht über die ständischen Rechte ist mit einigen Modifica-
tionen in der form angenommen worden, und fritz schwarzenberg a tourné
casaque séance tenante und ist zur opposition übergegangen. lamberg hat
sogar mehr gethan, als ich wollte, und hat einen Antrag auf bedingte Preß-
freyheit gestellt, welcher mit einigen Änderungen angenommen worden
ist – !!! die landtagsschrift darüber erhielt ich vorgestern, in fassung und
styl kein meisterwerk. nur immer zu.
hier sind die besten dispositionen, eine Art Wetteifer mit den Böhmen
und ein durch Preußen erhöhtes selbstgefühl. meinen commissionsbericht
hat kolb endlich verstümmelt abgedruckt,1 den räsonnirenden Artikel aber
nicht, und das ärgert mich, doch habe ich durch moering einen ähnlichen in
die grenzboten einrücken lassen, der seine Wirkung gemacht hat.2 ich ar-
1 Allgemeine Zeitung v. 5.5.1847, Beilage 995–997; vgl. auch Einträge v. 20. und 29.4.1847.
2 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 6 (1847), i. semester, ii. Bd., 318:
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien