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6852.
Juni 1847
hier wird der landtag am 7. eröffnet. kleyle bereitet eine motion vor,
die er mir zur durchsicht mitgetheilt hat: seine majestät möchten am Bun-
destage dahin wirken, daß die demselben vorliegenden Anträge wegen der
Presse angenommen würden, dieselben auch hier publiciren lassen und
einstweilen mildere censurvorschriften festsetzen. ob sonst von den vielen
projektirten Anträgen noch etwas vorkommen wird, ist unbestimmt. stifft
ist noch nicht hier, doblhoff ist nervenschwach und ängstlich geworden und
meint, man solle der regierung nicht allzuscharf zusetzen, und fast alle
Andern sind bloß mitläufer, aber zu einer initiative nicht zu brauchen. ich
aber treibe und dränge soviel ich kann, weil ich gerade den gegenwärtigen
Augenblick für sehr wichtig halte.
ich bin in der letzten Zeit viel mit mir zu rathe gegangen, ob es in mei-
ner rolle liege oder nicht, niederösterreichischer landstand zu werden. man
wünscht es sehr, eröffnet mir auch die Aussicht verordneter zu werden, ob-
wohl ich das Wie nicht einsehe, indem so eben heinrich hoyos dazu ernannt
wird, Pergen eben erst seit einem Jahre fungirt, daher selbst für den fall,
daß er nicht wieder gewählt würde, vor 5 Jahren keine Agnatur zu erwarten
ist. ich aber bin der Ansicht, daß es meiner stellung nicht angemessen ist,
als Bittender und quasi durch eine hinterthür (wegen des Besitzes) einzutre-
ten, zu so etwas könnte ich mich nur verstehen, wenn ich von den ständen
dagegen einen Beweis ihrer Anerkennung, z.B. eben durch eine solche Wahl,
erhalten würde. ich kann bloß als chef eintreten, nicht als obskurer votant,
wo ich nebstdem immer des Einflusses entbehren würde, welchen mir großer
Besitz und eine lange Bekanntschaft mit den ständischen geschäften verlei-
hen. unter diesen umständen werde ich also wohl für jetzt diesen gedanken
aufgeben, soviel reizendes auch derselbe sonst für mich hat.
ein Baron herbert aus kärnthen war neulich bey mir, um sich courage
zu holen. Auch dort wollen sie sich endlich rühren und haben am 15. dieses
monats eine ständische versammlung. Aus steyermark kommt frank hie-
her, um sich hier als niederösterreichischer landstand einführen zu lassen
etc., kurz meine lieblingsidee einer vereinbarung aller Provinzen, die ich
bey keiner gelegenheit unberührt lasse, greift immer mehr Wurzeln.
einen großen schritt dazu habe ich so eben gethan. Als Antwort auf meine
Briefe an l. Batthyány und teleki ist am 20. vorigen monats Batthiany
selbst hiehergekommen und hatte gleich am selben tage eine 3stündige un-
terredung mit mir. meine vorschläge haben dem oppositions comité und
namentlich dem liberalern theile desselben: teleki und kossuth, sehr ge-
fallen, und es ist demnach im Programm, welches nun erscheinen soll, eine
entsprechende Einschaltung gemacht worden; einen eigenen Punkt daraus
zu machen war nicht mehr möglich, weil diese Punkte schon Alle am 15.
märz festgesetzt worden sind. doch wollte mir Batthyány, qui en général
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien