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Juni 1847
worden, glücklicherweise habe ich, durch doblhoff gewarnt, das praevenire
gespielt, ihn gehörig instruirt, so daß ich ihm das, was er sagen soll, selbst
angebe. diese saubern conferenzen amusiren mich, besonders möchte man
wissen, ob keine Zusammenkünfte bey mir statthaben, und was denn Pepi
esterhazy bey seinen lebzeiten bey mir machte? la pente devient glissante.
die familie des erzherzog carl ist nach rovigno und gabrielle nach
lösch, von da geht sie nach franzensbad, ich bin mit ihrem gesundheits-
zustande nichts weniger als zufrieden.
An kolb habe ich geschrieben in dem sinne, wie ich neulich bemerkte,
und erwarte nun seine Antwort, der Artikel über den 4. stand erschien noch
nicht, doch kann ich nicht glauben, daß er nicht noch erscheinen werde.
kuranda scheint auch abfallen zu wollen, wenigstens fordert er, wie mir
Welsch meldete, nunmehr bey allen Zusendungen nennung des namens,
was ganz ungeschickt und ungeeignet wäre, wenn es nicht ein vorwand
einer Apostasie seyn soll. das wäre eine unangenehme erfahrung.
Palacky war neulich sehr lange bey mir, der mann ist bey aller gelehr-
samkeit, ja sogar genialität unpraktisch und sieht alles heil in der errich-
tung böhmischer schulen.
meine entlassung habe ich endlich in zwey Worten vom mailänder gu-
bernium. g. neipperg und m. Berchtold sind fort, letztere führte ich ei-
nes mittags mit Bewilligung des fürsten louis lichtenstein in sein neues
Palais, welches das vollkommenste ist, was ich noch gesehen habe, nur
kunstwerke fehlen, einen edlern geschmack gibt es hier nun einmal nicht.
neulich ging ich zu hofrath Pederzani, um ihm spangher zu empfehlen,
welcher Advocat in görz zu werden wünscht und es seitdem auch geworden
ist. Pederzani schien sehr geschmeichelt und erfreut meine Bekanntschaft
zu machen, sprach mir von meiner schrift und sonach von unseren Zustän-
den in so trostloser, erbitterter Weise, daß es mich momentan ordentlich
erschütterte. Wenn die gescheidten den muth verlieren und am vaterlande
verzweifeln, was soll dann geschehen?
und doch stehen die Aktien immer günstiger für uns, das prächtige, fe-
ste und ruhige Benehmen des preußischen landtags macht allerseits den
überraschendsten eindruck. Pepi Althann hat mir neulich von Berlin eine
masse denkschriften, Ausschußberichte, Petitionen etc., die er als glied
der Herrencurie erhielt, mitgebracht, alles vortrefflich und gediegen, be-
sonders die vorlagen der regierung. vor einer solchen regierung habe ich
respekt, ihr Beyspiel beweist aber auch, welch eine masse von ressourcen
die intelligenz einer regierung eröffnet, sowie das Beyspiel der unsrigen
das gegentheil darthut.
mein alter freund valentin esterhazy war einige tage aus stockholm
hier, ist aber nun zu seiner mutter nach italien abgereist.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien