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68922.
Juni 1847
Ausführung kommen. Weniger lärmen haben sie freylich gemacht als die
böhmischen, welche ein volles monath saßen, und wo mit einer großen Bit-
terkeit verhandelt wurde, und ich kann es nicht läugnen, daß es mir in die-
sem Augenblicke besonders um den lärmen zu thun ist. doblhoff hat sich
dießmal, namentlich in der Preßsache, ziemlich lau gezeigt, sollte er auch
schon überholt seyn?
In diesen Tagen waren Frank und Mandell hier und fleißig bey mir. Wir
haben das nöthige besprochen, und ich habe ihm [sic] verschiedene mate-
rialien mitgegeben. eine gemeindeordnung wird nun auch in steyermark
vorgeschlagen werden, und ebenso habe ich es für kärnthen mit Baron
herbert, welcher hier und bey mir war, verabredet. unsere ständischen
Angelegenheiten sind bereits in das Programm der ungarischen opposition
aufgenommen, und ich erwarte täglich teleki und Batthyany, um das Wei-
tere zu veranlassen, so wäre denn das Wichtigste gethan, die instruktion
für die comitate ist nun sogut als abgemacht, wieder eine idee meines 2.
theiles verwirklicht, ich hoffe, ich habe darin die geschichte unserer Zu-
kunft geschrieben.
Auch ein Pole, georges lubomirski, war neulich mit Professor neumann
bey mir, doch blieb ich ziemlich kalt und fremd, so unerhört und beyspiel-
los auch die armen Polen leiden, so erfordert es doch die klugheit, jede
gemeinschaft mit ihnen von der hand zu weisen, es ruht zu viel haß auf
diesen unglücklichen leuten.
lamberg war neulich in leipzig, um mit kuranda zu sprechen,1 dieser
sandte mir durch ihn Adressen etc., scheint also nicht abtrünnig gewor-
den zu seyn. lamberg, Breuner, hoyos, fries, etc. bilden sammt mir im
casino den noyau einer politischen Partey, zu welcher auch noch fast alle
ungarn gehören, und die langsam aber dennoch zunimmt. c. reischach,
trautmansdorf, lodron, festetics, Wallis etc. dagegen bilden die altöster-
reichische, d.h. stockdumme Partey, und zwischen ihnen stehen die lang-
weiligen geistreich seyn wollenden farblosen raisonnneurs: lato Wrbna,
eugène kinsky und wohl auch zum theile mein special emerich Bethlen,
den ich übrigens vortrefflich brauchen kann. So lange wir keine Weiber
für uns haben, wird es nie gut werden. lorchen schwarzenberg könnte ich
brauchen wie einen Bissen Brot.
[Wien] 22. Juny
das ist eine agitirte Zeit, und ich werde froh seyn, wenn die geschäfte mir
erlauben werden, von hier auf einige Zeit wegzukommen.
1 vgl. dazu die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 6 (1847), i. semester, ii. Bd.,
417–421: die böhmischen stände gegen die Zensur. vortrag des fürsten lamberg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien